Die Tour de France lebt von heroischen Angriffen, doch genauso unvergesslich sind die Momente, in denen ein scheinbar sicherer Sieger an einem einzigen Berg zerbricht.
Laurent Fignon hatte die Tour de France 1989 bis tief in die letzte Woche unter Kontrolle. Zwei starke Alpentage verschafften ihm 53 Sekunden Vorsprung auf Greg LeMond, sein System‑U‑Team neutralisierte jede Flucht, und selbst die Tageshitze schien den Pariser kaum zu beeindrucken. Doch auf der 17. Etappe, deren Finale den acht Kilometer langen Col du Grand Colombier beinhaltete, schlug das Rennen eine unerwartete Richtung ein. Fignon eröffnete im mittleren Abschnitt eine lange Führungsfahrt – gedacht, um LeMond mürbe zu machen. LeMond blieb im Windschatten, registrierte ein sinkendes Tempo und setzte 1 800 Meter vor dem Gipfel zur einzigen Beschleunigung an, die der Franzose nicht kontern konnte. Zwölf Sekunden verlor Fignon im Ziel; wenig auf dem Papier, aber es entlarvte erstmals seine Verwundbarkeit. Zwei Tage später, im 24,5‑Kilometer‑Einzelzeitfahren von Versailles zur Avenue des Champs‑Élysées, nutzte LeMond genau diese Schwachstelle. Er trat mit aerodynamischen Lenkeraufsätzen – eine Tour‑Neuheit – fast ein Stundenmittel von 54 km/h, während Fignon in klassischer Position blieb und pro Kilometer rund 0,8 Sekunden verlor. Ergebnis: LeMond gewann den Gesamtsieg mit acht Sekunden Vorsprung, dem knappsten Abstand der Jury‑Geschichte – ausgelöst durch jene kleine, aber psychologisch massive Lücke am Colombier.
Im Sommer 2006 führte Floyd Landis die Tour vor der 16. Etappe mit 1:29 Minuten Vorsprung auf Óscar Pereiro. Die Königsetappe in den Savoyer Alpen verband Col du Galibier, Col de la Croix de Fer und Montée de La Toussuire bei 35 Grad. Phonak hatte bereits zwei Helfer verloren, als Team CSC das Tempo am Croix de Fer verschärfte. Landis reagierte mehrfach, überhitzte jedoch: Auf den letzten elf Prozent steilen Passagen der Toussuire brach seine Leistungskurve binnen zehn Minuten um ein Fünftel ein. Keiner seiner verbliebenen Teamkollegen konnte mehr helfen, die Kamera zeigte ihn schwankend im Wiegetritt; am Gipfel stoppte die Uhr bei einem Rückstand von exakt 10:04 Minuten. Landis rutschte von Rang 1 auf Rang 11, das Gelbe Trikot wechselte zu Pereiro. Einen Tag später legte Landis sein berühmtes 120‑Kilometer‑Solo ein, gewann die Etappe und fast die komplette Zeit zurück, doch der Triumph wurde durch einen positiven Test auf synthetisches Testosteron annulliert. Der Einbruch an der Toussuire bleibt damit einer der extremsten Zeitverluste eines Führenden innerhalb einer einzigen Bergetappe und unterstreicht, wie sensibel Hydration, Temperatur und Teamreserven in der Schlusswoche sein können.
Primož Roglič trug bei der pandemiebedingt in den September verlegten Tour 2020 das Maillot Jaune seit Etappe 9, gestützt von Jumbo‑Vismas dominierendem Bergzug. Vor dem abschließenden 36,2‑Kilometer‑Zeitfahren zur Planche des Belles Filles führte er Landsmann Tadej Pogačar um 57 Sekunden. Die Strecke begann mit 14 flachen Kilometern, gefolgt von einem 5,9 Kilometer langen Schlussanstieg von durchschnittlich 8,5 Prozent. Roglič setzte auf den üblichen Radwechsel: Zeitfahrrad bis zum Fuß des Bergs, dann Umstieg auf ein leichteres Kletterrad. Pogačar fuhr durchgängig ein reduziertes TT‑Setup mit Scheibenrad und hochprofiligen Laufrädern. Schon beim ersten Zwischensplit lag Roglič nur knapp vorne; der Radwechsel kostete weitere 13 Sekunden. Auf den Serpentinen der Planche legte Pogačar mit einer durchschnittlichen Steigleistung von 6,6 W/kg zu, während Roglič’ Wattwerte rund fünf Prozent unter seiner Dauphiné‑Referenz fielen. Kurve um Kurve schmolz der Vorsprung, im Ziel zeigte die Uhr 1:56 Minuten Rückstand – die Gesamtführung kippte am vorletzten Tour‑Tag. Pogačar wurde mit 21 Jahren jüngster Toursieger seit 1909, Roglič blieb der wohl bitterste zweite Platz der jüngeren Tour‑Geschichte. Das Szenario etablierte das Zeitfahren an der Planche als Paradebeispiel dafür, wie Materialwahl, Wechselstrategie und mentale Widerstandskraft über einen dreiwöchigen Vorsprung entscheiden können.
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