Die deutsche Davis-Cup-Mission startet in Tokio ohne Alexander Zverev, aber mit reichlich Spannung und Chancen. Kann Jan-Lennard Struff das Duell gegen Japan gleich im ersten Match in die richtige Bahn lenken?
Wenn Jan-Lennard Struff am Freitagmorgen um 14 Uhr Ortszeit, 7 Uhr in Deutschland, den Court betritt, ist das nicht einfach nur ein Auftaktspiel. Es ist ein Statement. Der 35-jährige Struff aus Warstein, der sich mit dem Rückenwind seines Drittrundeneinzugs bei den US Open in die Partie begibt, bekommt es mit Yoshihito Nishioka zu tun. Auf dem Papier klingt das nach einem Duell zweier erfahrener Kämpfer, doch Struff weiß: „Es wird hart. Nishioka ist ein richtig guter Spieler. Aber ich freue mich drauf.” Da er als einziger Akteur dieser Begegnung in den Top 100 der Welt steht, ist er automatisch der Hoffnungsträger.
Gleich danach steht Yannick Hanfmann auf dem Prüfstand. Er trifft auf Shintaro Mochizuki, die aktuelle Nummer 103 der Welt und damit bestplatzierter Japaner. Für Hanfmann bedeutet das ein Match, in dem er selbst zur Überraschung werden könnte. Die Rollen sind verteilt, doch im Davis Cup gilt oft nur das, was auf dem Platz passiert. Wer hätte gedacht, dass Emotionen, kleine Momente und der Druck des Teams einen Spieler größer machen können, als es die Rangliste vermuten lässt?
Und dann wäre da noch die deutsche Paradedisziplin, das Doppel. Kevin Krawietz und Tim Pütz, die seit Jahren ein eingespieltes Duo sind, genießen am Samstag gegen Yosuke Watanuki und Takeru Yuzuki die klare Favoritenrolle. Für Kapitän Michael Kohlmann ist diese Konstanz Gold wert. Sollte nach drei Matches noch keine Entscheidung gefallen sein, würden Struff und Hanfmann im Überkreuzduell erneut antreten, mit dem Potenzial für ein Drama bis zum letzten Ballwechsel. Rookie Justin Engel bleibt vorerst außen vor, die Verantwortung liegt bei den erfahrenen Spielern.
Das Ziel ist klar: ein Auswärtssieg, der das Ticket für die Endrunde in Bologna sichert. Dort warten vom 18. bis 23. November die besten Teams der Welt. Deutschland will unbedingt dazugehören, auch ohne Alexander Zverev.
Der Weltranglistendritte hat nach seiner enttäuschenden Niederlage bei den US Open gegen Félix Auger-Aliassime andere Pläne. Der Davis Cup passt nicht mehr in seinen engen Terminkalender. Sehr zum Missfallen einiger Fans. Während Struff und Co. in Tokio alles geben, bereitet sich Zverev auf den „Asia-Swing“ vor, eine Tour, die ihm in der Vergangenheit Glück gebracht hat.
Zwei seiner bisher 24 Titel hat der Hamburger in Asien gewonnen: 2021 in Tokio und 2023 in Chengdu. In diesem Jahr stehen jedoch andere Stationen auf dem Plan: das 500er-Turnier in Peking ab dem 22. September und direkt im Anschluss das Masters in Shanghai. Das sind keine kleinen Aufgaben, sondern ein anspruchsvolles Doppelpaket, das viel über seinen Herbst bestimmen wird.
Vielleicht braucht es genau diese Reise, um wieder Ruhe und Rhythmus zu finden. Nach dem Drittrundenaus bei den US Open war es auffällig still um ihn. Für einen Profi, der sonst zwischen Schlagzeilen und Erfolgen pendelt, kann diese Ruhe gewinnbringend sein. Sie gibt Raum, die verpassten Chancen bei den Grand Slams zu verarbeiten und den Blick nach vorne zu richten. Denn das Ziel bleibt groß: nicht nur Titel in Asien, sondern auch ein stabiles Fundament für die nächsten Jahre. Das Jahr 2026 ist in seinem Umfeld längst ein Stichwort, eine Art ferne Zielmarke, die verdeutlicht, dass Zverev langfristig denkt.
An diesem Wochenende stehen zwei Geschichten nebeneinander, die doch zusammengehören. Auf der einen Seite sind da Struff, Hanfmann, Krawietz und Pütz, die mit Teamgeist und Kampfeswillen in Tokio antreten, um Deutschland nach Bologna zu führen. Auf der anderen Seite ist da Zverev, der als Einzelkämpfer den Blick nach Osten richtet, auf der Suche nach neuer Beständigkeit. Unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Ziel: deutsches Tennis auf der internationalen Bühne sichtbar und erfolgreich zu machen.
Und wer weiß, vielleicht kreuzen sich diese Wege schon bald wieder. Spätestens bei den French Open wird die Frage gestellt werden: Wie stark ist das deutsche Tennis wirklich? Bis dahin gilt jedoch: Erst Tokio, dann Shanghai. Und dazwischen jede Menge Emotionen.
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