Alexander Zverev ist in Cincinnati derzeit nicht zu stoppen. Doch mit Carlos Alcaraz wartet nun der Gegner, der ihm bereits einmal das Leben schwer gemacht hat. Kann der Deutsche diesmal die Geschichte umschreiben?
Wer Alexander Zverev in diesen Tagen auf dem Court sieht, erkennt einen Spieler, der seine Linie gefunden hat. Im Viertelfinale des ATP-Masters-1000-Turniers gegen Ben Shelton legte er los wie ein Orkan: frühe Breaks, druckvolle Grundschläge, fast fehlerlos in den entscheidenden Momenten. Shelton, der gerade erst den Triumph in Toronto gefeiert hatte, sah lange Zeit aus, als sei er eher Komparse denn Herausforderer.
Schon nach einer halben Stunde hatte Zverev den ersten Satz mit 6:2 gewonnen. Das erinnerte an das Münchner Finale, in dem Zverev ähnlich souverän durchmarschiert war. Auch dieses Mal ließ er Shelton kaum Luft zum Atmen, nahm ihm im zweiten Satz sofort wieder den Aufschlag ab und marschierte schnurstracks Richtung Ziel. Nach 77 Minuten und einem knappen Aufwärmprogramm stand der Hamburger als Halbfinalist fest.
Doch so glatt der Weg durch dieses Viertelfinale verlief, so groß ist die Hürde, die nun folgt: Carlos Alcaraz. Carlos Alcaraz. Der erst 22-jährige Spanier ist ein Dauer-Kandidat für die ganz großen Trophäen und hat in dieser Saison schon die Masters in Monte-Carlo und Rom gewonnen. Im Viertelfinale gegen Andrey Rublev zeigte er einmal mehr, warum man bei ihm nie sicher sein kann, ob Genie oder Leichtsinn dominiert.
Alcaraz spielte einen ersten Satz zum Zungeschnalzen, ließ den Ball laufen und dominierte Rublev nach Belieben. Dann wiederholte sich jedoch ein Muster, das ihm schon öfter Nerven gekostet hatte: kurze Konzentrationslöcher. Rublev nutzte diese, glich zum 1:1 nach Sätzen aus. Als Alcaraz im Entscheidungssatz beim Stand von 5:4 den Sack nicht zumachen konnte, roch es kurz nach einem Thriller. Doch dann verschenkte Rublev mit einem Doppelfehler das letzte Spiel. Alcaraz nahm das Geschenk an und zog mit 6:3, 4:6 und 7:5 ins Halbfinale ein.
Nun also Zverev gegen Alcaraz. Das Head-to-Head spricht mit 6:5 knapp für den Deutschen. Das letzte Aufeinandertreffen bei den ATP Finals in Turin ging mit 7:6 (4), 6:4 an Zverev. Ein Prestigeerfolg, der zeigt: Der Deutsche weiß, wie man den Spanier packt.
Und doch gibt es da die Erinnerung, die wie ein Schatten über diesem Match liegt: das Finale der French Open 2024, als Alcaraz Zverevs Traum vom Grand-Slam-Titel zertrümmerte. Es war ein Nachmittag, den der Hamburger so schnell nicht vergessen dürfte. Nun bekommt er die Gelegenheit zur Revanche.
„Ich fühle mich gut, ich spiele vielleicht das beste Tennis seit langer Zeit“, sagte Zverev nach seinem Kantersieg gegen Shelton. Worte, die nach Kampfansage klingen und nach einem Spieler, der nicht mehr nur mitspielen, sondern Titel gewinnen will.
Während Zverev und Alcaraz also auf die große Bühne treten, steht das zweite Halbfinale bereits seit Donnerstag fest: Jannik Sinner, der Titelverteidiger und Topfavorit, trifft auf Terence Atmane. Ein Duell, das auf dem Papier klar scheint, doch der junge Franzose ist die Überraschung dieser Woche. Erst schaltete er Taylor Fritz aus, dann auch noch Holger Rune. Für Atmane ist Cincinnati schon jetzt das Turnier seines Lebens.
Zwei Halbfinals, vier völlig unterschiedliche Geschichten: Zverevs Jagd nach Wiedergutmachung, Alcaraz zwischen Unbesiegbarkeit und Wacklern, Sinner als Titelverteidiger im Soll und Atmane, der Märchenerzähler, der eigentlich längst hätte ausscheiden sollen.
Die Tenniswelt blickt also gespannt auf die kommenden Stunden in Cincinnati. Wird Zverev den Spanier endlich wieder in einem großen Match besiegen können? Oder schreibt Alcaraz das nächste Kapitel seines Aufstiegs? Sicher ist nur eins: Es wird knistern, wenn die beiden aufeinandertreffen.
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