Wenn Routine auf pure Explosivität trifft: Alexander Zverev eröffnet die ATP Finals in Italien mit einem Spiel gegen den aufstrebenden US-amerikanischen Youngster Ben Shelton. Ein Duell, das mehr verspricht als nur Zahlen: Es geht um Stolz, Rhythmus und den perfekten Saisonabschluss.
Zverev ist zurück auf der Bühne, die ihn schon zweimal zum Champion machte. Diesmal beginnt er sein Abenteuer bei den Nitto ATP Finals gegen einen Mann, der kaum gegensätzlicher sein könnte. Ben Shelton ist ein 23-jähriger Linkshänder aus Atlanta mit einem Aufschlag, der wie Donnerhall durch die Hallen peitscht.
Für Zverev, der in diesem Jahr ohne Titel auf Hartplatz blieb, ist das Turnier in Italien mehr als nur ein Saisonabschluss. Es ist eine Prüfung seiner Konstanz, seines Selbstvertrauens – und vielleicht auch seiner Geduld. Beim Paris Masters kam der Hamburger zuletzt bis ins Halbfinale, ehe er gegen Jannik Sinner mit 0:6, 1:6 unterging. Eine Abreibung, die sitzt. Shelton wiederum war bereits eine Runde früher an demselben Gegner gescheitert: 3:6, 3:6.
Sein letzter Einzeltitel datiert aus dem April, als er die BMW Open in München gewann. Seitdem gab es viele Chancen, aber keine Pokale. Dabei war er immer wieder nah dran: Er erreichte das Halbfinale und war stets einer der letzten Verbliebenen. Nur das ganz große Finale wollte ihm nicht gelingen.
Auf Hartplatz zeigt er in diesem Jahr stabile, aber keine überragenden Werte: Er gewinnt 87 Prozent seiner Aufschlagspiele und 73 Prozent der Punkte nach dem ersten Service, solide, fast maschinell. Doch bei den Return-Games liegt seine Quote bei mageren 22 Prozent. Gegen Spieler wie Shelton, die vom Aufschlag leben, kann das gefährlich werden.
Dennoch hat der 28-Jährige auf dieser Bühne schon oft bewiesen, dass er weiß, wie man gewinnt. 2018 und 2021 holte er sich den Titel, im vergangenen Jahr erreichte er das Halbfinale. Seit dem Laver Cup im September, als Taylor Fritz ihn in zwei Sätzen schlug, hat Zverev zudem kein Auftaktmatch mehr auf Hartplatz verloren.
Ben Shelton geht mit neuem Selbstvertrauen in sein Debüt bei diesem Turnier. Nach einer Phase mit frühen Niederlagen hat er zuletzt zu seiner alten Stärke zurückgefunden: Er spielt wieder aggressiv, mutig und furchtlos. Zum ersten Mal seit Mai stand er wieder im Viertelfinale eines Einzelturniers.
Sheltons Zahlen zeigen, was ihn so gefährlich macht: 76 Prozent gewonnene Punkte beim ersten Aufschlag und 89 Prozent gewonnene Aufschlagspiele sind beeindruckend. Doch sein größtes Problem liegt in seinem Rückhandspiel: Nur 18 Prozent einer Returnpunkte auf Hartplatz konnte er in diesem Jahr erzielen. Wenn der Gegner wie Zverev seinen Rhythmus findet, wird es eng.
Auffällig ist auch Sheltons Abhängigkeit vom Start. Gewinnt er den ersten Satz, bringt er die Matches oft souverän nach Hause. Verliert er ihn, ist fast immer Schluss: Seine letzten sechs Partien nach einem verlorenen ersten Satz gingen allesamt verloren.
Viermal trafen sich die beiden bisher, viermal siegte Zverev. Und das oft deutlicher, als es die Statistiken vermuten lassen. Beim BMW Open dominierte er mit 6:2, 6:4, beim Boss Open gewann er das Tiebreak-Duell nervenstark und in Cincinnati zuletzt mit 6:2, 6:2. Shelton servierte zwar stark, leistete sich aber fünf Doppelfehler und hatte auf die wichtigen Punkte nicht genug Präzision.
Auch die Erfahrung spricht für den Deutschen. Zverev weiß, wie sich die grelle Aufmerksamkeit dieser Finals anfühlt, er kennt den Druck, die nächtlichen Matches und die Augen der Tenniswelt, die jede Bewegung deuten. Shelton betritt dagegen mit jugendlicher Euphorie Neuland, aber ohne die Routine, die diese Bühne verlangt.
Natürlich könnte Shelton mit einem „Big Serve“-Abend alles auf den Kopf stellen. Tennis lebt von solchen Momenten, in denen ein junger Spieler über sich hinauswächst. Doch Zverevs Variabilität, seine Ruhe in engen Phasen und sein Wissen um Sheltons Schwächen beim Return machen ihn zum klaren Favoriten.
Sollte Shelton den ersten Satz gewinnen, könnte dieses Duell zu einer elektrischen Achterbahnfahrt werden, die das Publikum in Turin zum Beben bringt.
Die Frage bleibt: Triumphiert die Erfahrung des zweifachen ATP-Finals-Siegers oder zündet Ben Shelton endlich den Aufschlag seines Lebens?
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