Nach 16 Monaten Pause und mit 45 Jahren auf dem Buckel gelingt Venus Williams ein Coup in Runde eins. Ist das nur der Anfang eines letzten großen Sommermärchens?
Wenn Legenden zurückkehren, hält der Sport den Atem an. Und Venus Williams ist mehr als eine Legende, sie ist ein Phänomen. In der ersten Runde der Mubadala DC Open feierte sie ein emotionales Comeback, das nicht nur Fans, sondern auch Statistiker in Verzückung versetzte: Mit 6:3, 6:4 bezwang sie die 22 Jahre jüngere Peyton Stearns und schrieb damit erneut Geschichte.
Denn Venus ist die älteste Spielerin seit Martina Navratilova im Jahr 2004, die ein Tour-Match auf WTA-Ebene gewinnen konnte, sie ist 45 Jahre alt. Damals war Venus 24 Jahre alt, heute stellt sie selbst Rekorde auf, die man ihr kaum noch zugetraut hätte.
„Das erste Match nach so langer Zeit ist das härteste“, sagte Williams nach der Partie. „Aber ich wusste, dass ich gewinnen kann. Und heute habe ich es tatsächlich getan. Das ist das beste Ergebnis, das man sich wünschen kann.“
Dabei begann die Partie alles andere als perfekt: Gleich im ersten Spiel verlor Williams ihren Aufschlag zu null. Doch was früher als schlechtes Omen gegolten hätte, war diesmal nur ein kurzer Wackler. Williams antwortete mit Wucht. Ihre Returns pressten Stearns in die Defensive, das Tempo war hoch, der Rhythmus da. Der erste Satz ging an Venus.
Im zweiten Durchgang folgte der nächste Rückschlag: Stearns gewann zehn Punkte in Folge und zog auf 3:1 davon. Doch Venus konterte ein weiteres Mal, gewann vier Spiele in Serie und erspielte sich eine 5:3-Führung. Beim Stand von 5:4 wurde es dramatisch: Sie ließ vier Matchbälle ungenutzt, vergab einen fünften und wehrte dann sogar einen Breakball ab. Erst beim sechsten Versuch machte ein krachender Aufschlag alles klar.
Venus Williams gewann beeindruckende 71 Prozent ihrer Punkte mit dem ersten Aufschlag und 70 Prozent mit dem zweiten Aufschlag ihrer Gegnerin. Das ist nicht nostalgisch, das ist Weltklasse. „Man muss mental, physisch und emotional alles geben. Dann ist alles möglich“, sagte sie später. „Es gibt keine Grenzen für Exzellenz.“
Was haben ihre letzten beiden Siege gemeinsam? Beide waren gegen Top-35-Spielerinnen. 2023 schlug sie in Cincinnati die damalige Nummer 16 der Welt, Veronika Kudermetova. Diesmal war es die Nummer 35, Peyton Stearns. Venus ist also nicht nur zurück, sondern hat auch hohe Ansprüche.
In der zweiten Runde wartet nun die polnische Nummer 24 der Welt und Turniernummer 5, Magdalena Frech, auf Venus. Für Venus ist es die erste Begegnung mit der aufstrebenden Polin. Frech zeigte sich in ihrem Auftaktmatch gegen die Qualifikantin Yuliia Starodubtseva souverän und gewann mit 6:2 und 6:4.
Aber: Venus hat nichts mehr zu verlieren und kann nur gewinnen. Ihre Präsenz auf dem Platz, ihre mentale Stärke und ihr Vertrauen in ihre eigene Geschichte machen sie unberechenbar. „Es wird nicht einfach“, gab sie zu. „Für niemanden da draußen. Aber ich bin bereit zu kämpfen.“
Unweigerlich fragt man sich: Ist das einfach nur ein letztes Aufflackern? Oder zündet Venus Williams noch einmal eine Spätkarriere-Rakete, die sogar bis zu den French Open 2025 reichen könnte? Sicher ist: Mit solchen Auftritten gewinnt sie nicht nur Matches, sondern auch Herzen.
Wer sie so auf dem Platz erlebt, mit dieser Mischung aus Ruhe, Wucht und Würde, kann sich dem Gefühl kaum entziehen. Vielleicht ist da noch mehr. Vielleicht schreibt Venus Williams gerade das letzte große Kapitel ihrer ohnehin unvergesslichen Tennis-Karriere.
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