Ein Favoritensturz hier, ein deutsches Teenager-Debüt dort. Die Tenniswoche vor den US Open hat es in sich.
Wer hätte das gedacht? In Winston-Salem sorgt Buyunchaokete aus China für Schlagzeilen, wie sie sonst nur ein Grand Slam hervorbringt. Mit 6:3, 6:2 fegte er den an Position eins gesetzten Stefanos Tsitsipas vom Platz und das mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst erfahrene Beobachter sprachlos machte. 74 Prozent der Punkte bei Tsitsipas' zweitem Aufschlag holte sich der 76. der Weltrangliste, brach den Griechen ganze fünfmal und machte so in 88 Minuten kurzen Prozess.
Dabei ist die Geschichte hinter dem Sieg fast noch spektakulärer als das Match selbst. Buyunchaokete hatte zuvor 16 Mal in Folge gegen Spieler aus den Top 50 verloren. Ausgerechnet gegen Tsitsipas, einen früheren Weltranglistendritten, endet diese Negativserie. Während „Bu“ mit stoischer Ruhe seine Schläge durchzieht, wirkt Tsitsipas rastlos, fast verzweifelt. 33 unerzwungene Fehler sprechen Bände. Der Grieche steckt mitten in einer Formkrise. Fünf Niederlagen aus den letzten sechs Partien bestätigen den Trend.
Buyunchaokete hingegen spricht von neu gewonnener Leichtigkeit: „Es gibt dir viel Selbstvertrauen, wenn du einen großen Namen schlägst. Ich wollte einfach mein Level genießen.” Ein bescheidener Satz, der nach diesem Sieg jedoch den Stolz einer ganzen Tennisnation in sich trägt. Nächster Gegner ist Mariano Navone, der Marcos Giron souverän mit 6:2 und 6:2 ausgeschaltet hat.
Und Winston-Salem bleibt ein Turnier voller Überraschungen. Auch die Nummer zwei, Tallon Griekspoor, ist nach einer 3:6, 6:4, 3:6-Niederlage gegen Marton Fucsovics ausgeschieden. Für den Ungarn war es der bereits vierte Sieg im direkten Duell mit dem Niederländer – eine Serie, die nach Dominanz riecht. Dagegen musste der an Nummer drei gesetzte Luciano Darderi in einem Drama über drei Sätze kämpfen: 7:6 (5), 6:7 (6), 6:4 gegen Mackenzie McDonald.
Doch nicht nur die Favoritenstürze prägen die Tage vor den US Open. Der 17-jährige Darwin Blanch, der sich als Qualifikant einen Platz im Hauptfeld gesichert hatte, schnupperte am nächsten Coup. Doch Alexandre Muller blieb cool und drehte die Partie mit 6:7 (3), 6:3, 7:5.
Auch sein Landsmann Giovanni Mpetshi Perricard musste kämpfen, setzte sich am Ende aber mit 2:6, 6:3, 7:6 (3) gegen Pedro Martinez durch.
Während in Winston-Salem also die ganz großen Schlagzeilen geschrieben werden, richtet sich der deutsche Blick sehnsüchtig nach New York. In der Qualifikation für die US Open scheiterte Justin Engel bei seinem Grand-Slam-Debüt nur knapp. Gegen den Argentinier Román Andrés Burruchaga kämpfte sich der 17-Jährige nach einem starken ersten Satz ins Entscheidungsset, doch am Ende fehlte ihm die Nervenstärke: Er verlor mit 6:3, 3:6, 5:7.
Bitter für Engel, der dennoch gezeigt hat, dass sein Name bald häufiger auf den großen Scoreboards stehen könnte.
Damit bleibt aus deutscher Sicht in der Qualifikation nur noch Jan-Lennard Struff im Rennen, der bereits die zweite Runde erreicht hat. Fix gesetzt im Hauptfeld sind Alexander Zverev und Daniel Altmaier. Zwei Namen, auf die die deutsche Tennisgemeinde in den kommenden Tagen ihre Hoffnungen projizieren wird.
Und so stehen die Turniere in Winston-Salem und New York für zwei Seiten derselben Medaille: dort die Sensationen eines Buyunchaokete, hier das Lehrgeld eines Justin Engel. Beide Geschichten vereint die Faszination des Tennissports, der nie planbar ist und bei dem jeder Schlag den Verlauf einer ganzen Karriere prägen kann.
Eines ist jedenfalls sicher: Bis die French Open im kommenden Jahr wieder locken, wird die Tour noch viele dieser Kapitel schreiben. Doch selten hat der Weg dorthin so früh so viel Drama versprochen.
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