Ein Champion ohne Bühne: Jonas Vingegaard gewinnt die Vuelta 2025, doch Proteste in Madrid verwandeln den Schlusstag in ein einzigartiges Fiasko.
Ansonsten ist der letzte Tag einer Grand Tour eine Feier des Radsports: Es gibt Sekt auf den Teamwagen, einen gemächlichen Einzug in die Metropole und schließlich den Sprint der Sprinter sowie die Krönung des Gesamtsiegers. Doch die Vuelta a Espana 2025 schrieb am Sonntag ein anderes, weitaus düstereres Schlusskapitel.
Jonas Vingegaard, der über drei Wochen hinweg dominierte, wurde zwar offiziell als Gesamtsieger bestätigt, doch es gab weder Etappensieger noch eine Siegerehrung oder ein Podium. Grund dafür waren Proteste pro-palästinensischer Aktivisten, die die Straßen Madrids blockierten und die Organisatoren zur Neutralisierung der Etappe und schließlich zum kompletten Abbruch zwangen.
Für Vingegaard, der im Trikot von Visma–Lease a Bike bereits zwei Mal die Tour de France gewonnen hatte, war es der dritte Triumph bei einer großen Rundfahrt, zugleich aber der erste bei der Vuelta. Ein sportlicher Meilenstein, der jedoch in einem gespenstischen Ambiente stattfand. Wo sonst am Plaza de Cibeles die Fans jubeln und die Fahrer ihre Trophäen in die Höhe recken, herrschten dieses Mal Chaos, Trillerpfeifen und Barrikaden.
Die Entscheidung, die Etappe komplett zu streichen, war in diesem Jahr nicht die erste Neutralisation. Schon in Bilbao, bei der elften Etappe, musste das Rennen ohne Sieger enden. Diesmal traf es jedoch den krönenden Abschluss, jenen Tag, an dem sich ein Champion eigentlich mit ausgestreckten Armen dem Publikum präsentieren sollte. Stattdessen wurde Vingegaard nach dem Stopp der Etappe in ein Auto verfrachtet und diskret ins Teamhotel gebracht.
Die sportlichen Fakten waren zu diesem Zeitpunkt bereits zementiert: Vingegaard siegte mit einem Vorsprung von 1:16 Minuten auf João Almeida vom Team UAE Emirates-XRG. Tom Pidcock (Q36.5) landete mit einem Rückstand von 3:11 Minuten auf Platz drei der Gesamtwertung. Für den Briten war es das erste Podium seiner Grand-Tour-Karriere, allerdings durfte er es nicht besteigen.
Auch die anderen Gewinner der Sonderwertungen mussten auf ihre große Stunde verzichten. Jay Vine (UAE Team Emirates-XRG) war der Beste am Berg, Mads Pedersen (Lidl-Trek) holte das Grüne Trikot der Punktewertung, Matthew Riccitello (Israel-Premier Tech) gewann die Nachwuchswertung und das Team UAE sicherte sich die Mannschaftswertung. Doch all diese Titel gingen sang- und klanglos über die Bühne oder besser gesagt: ohne Bühne.
In Erinnerung bleiben nicht strahlende Siegerposen, sondern blockierte Straßen, verzweifelte Rennorganisatoren und ein Fahrerfeld mit hängenden Köpfen, das auf Anweisungen wartete. „Antiklimatisch“ wäre hierfür wohl noch eine Untertreibung.
Und dennoch: Sportlich gesehen war Vingegaards Triumph unanfechtbar. Schon auf den Bergetappen hatte er die Konkurrenz distanziert und das Rennen bis Madrid souverän kontrolliert. Das neue Sonderrad seines Ausrüsters Cervélo, das er auf den letzten Kilometern präsentierte, wirkte beinahe wie ein Symbol für den geplanten Schaulauf, der dann doch nicht stattfand.
Für den Dänen bleibt damit ein Titel in den Statistiken, der ihm sportlich den höchsten Wert hat, ihm emotional aber eine Lücke lässt. Anstelle von jubelnden Fans und Champagner auf dem Podium gab es nur ein paar Teamfotos vor Madrid, dann holte die Realität den Radsport ein.
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