Während ein Qualifikant Tennisgeschichte in Chengdu schreibt, bereitet Novak Djokovic seine Rückkehr auf die große Bühne vor. Was steckt hinter diesen Wendungen und welche Bedeutung haben sie für die kommenden Wochen auf der Tour?
Es gibt Geschichten, die selbst eingefleischte Tennisfans noch staunen lassen. So auch die Geschichte von Alejandro Tabilo: Der chilenische Qualifikant mit bisher durchwachsener Saison hat in Chengdu das Unmögliche geschafft. Er besiegte den topgesetzten Lorenzo Musetti in einem epischen Finale, rettete zwei Matchbälle und krönte sich damit zum Turniersieger. Gleichzeitig kündigte Novak Đoković seine Rückkehr an: Nach einer Pause meldet sich der Serbe beim Shanghai Masters zurück und die Tenniswelt fragt sich, welche Dynamik die Saison nun nehmen wird.
Tabilos Triumph ist ein Lehrbuchbeispiel für mentale Stärke. Noch vor wenigen Monaten schien der 27-Jährige weit entfernt von einer solchen Erfolgsgeschichte. Eine hartnäckige Handgelenksverletzung hatte ihn zwei Monate lang ausgebremst und seine Bilanz zu Saisonbeginn war desaströs: Sechs Auftaktniederlagen und insgesamt nur fünf Siege bis zum Turnierstart in China. Und doch kämpfte er sich durch die Qualifikation, überstand kräftezehrende Matches und stand plötzlich im Finale gegen Musetti.
Dass er dort nicht nur mithalten, sondern sogar gewinnen konnte, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich die Statistiken anschaut: Er schlug weniger Winner und machte deutlich mehr unerzwungene Fehler. Eigentlich ein Rezept für die Niederlage. Aber Tabilo nutzte den entscheidenden Moment, blieb im Tie-Break des dritten Satzes eiskalt und verwandelte seinen ersten Matchball. Dass er dabei zwei Championship Points Musettis abwehrte, passt perfekt ins Bild des Underdogs, der sich nicht beugen will.
„Ich musste einfach mental und körperlich im Match bleiben“, erklärte Tabilo später. Diese Worte klingen nüchtern, spiegeln aber eine unglaubliche Willenskraft wider. Am Ende feierte er seinen dritten Titel auf der ATP Tour, den ersten in diesem Jahr. Zudem katapultierte er sich zurück in die Top 100 der Weltrangliste. Ein Sprung von 40 Plätzen nach oben, zurück ins Rampenlicht.
Für Musetti ist die Niederlage hingegen ein schmerzhafter Rückschlag. Seit seinem Triumph in Neapel im Jahr 2022 wartet der Italiener auf einen weiteren Titel. In Chengdu war er nah dran, hatte alles in der Hand und doch fehlte ihm am Ende die letzte Konsequenz. Seine Hoffnung ruht nun auf den kommenden Wochen, denn im Rennen um die Teilnahme an den Nitto ATP Finals liegt er weiterhin gut im Rennen, auch wenn er seinen Landsmann Jannik Sinner wohl kaum noch einholen wird.
Während in China die Überraschung gefeiert wird, richtet sich der Blick bereits nach Shanghai. Novak Đoković hat seine Teilnahme am Masters bestätigt, was für Gesprächsstoff sorgt. Der Serbe, der zuletzt bei den US Open gegen Carlos Alcaraz unterlag, gönnte sich eine längere Pause. Nun aber will er wieder eingreifen.
Djokovic weiß, dass die großen Turniere seine wahre Bühne sind. Masters-Events haben für ihn nicht den Adrenalinrausch eines Grand Slams, wie er selbst einräumte. Doch Shanghai gehört offenbar zu den Ausnahmen. Er hat das Turnier bereits viermal gewonnen und dürfte sich über die Chance auf eine kleine Revanche gegen Alcaraz oder Sinner freuen.
Interessant ist seine Einschätzung, dass er sich im Best-of-Three-Format gegen die junge Konkurrenz größere Chancen ausrechnet. Eine fast schon taktische Entscheidung also, Shanghai in den Kalender aufzunehmen. Dort könnte er zeigen, dass die Niederlage bei den US Open nur ein Ausrutscher war.
Die kommenden Wochen werden zeigen, wohin Djokovics Reise geht. Nach Shanghai stehen die „Six Kings Slams“ in Saudi-Arabien auf dem Programm, gefolgt von einem Event in Athen. Und dann? Die Frage bleibt, ob er tatsächlich bei den Nitto ATP Finals aufschlägt.
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