Mit einer krachenden Bergattacke setzt Jonas Vingegaard ein Ausrufezeichen und rückt dem Roten Trikot so nah wie nie.
Der Däne hat am Sonntag eindrucksvoll gezeigt, warum er als größter Favorit auf den Gesamtsieg gilt. Der zweifache Tour-de-France-Sieger triumphierte auf der neunten Etappe von Logroño hinauf zur Skistation Valdezcaray nach 195,5 Kilometern im Alleingang. Für den 28-Jährigen war es bereits der zweite Tageserfolg bei dieser Spanien-Rundfahrt. Doch diesmal hatte der Sieg eine noch größere Bedeutung: Er brachte ihn im Kampf um das Rote Trikot deutlich näher an die Spitze.
Elf Kilometer vor dem Ziel setzte Vingegaard die entscheidende Attacke. Mit kraftvollem Tritt ließ er seine Rivalen stehen, während sich das Feld auseinanderzog. Hinter ihm kämpften der Brite Tom Pidcock und der Portugiese João Almeida verbissen um Schadensbegrenzung, kamen aber mit 24 Sekunden Rückstand ins Ziel. Almeida, der ohnehin als einer der härtesten Konkurrenten im Gesamtklassement gehandelt wurde, rangiert nun auf Platz drei, mit 1:15 Minuten Rückstand auf Vingegaard.
Besonders bitter verlief der Tag für den bisherigen Gesamtführenden Torstein Traeen. Der Norweger, der sich mit mutigen Auftritten das Rote Trikot erkämpft hatte, verlor am Valdezcaray fast zwei Minuten und sah seine komfortable Führung dahinschmelzen. Nur noch 37 Sekunden trennen ihn nun von Vingegaard, der mit seinem insgesamt 40. Profisieg eindrucksvoll unterstrich, dass er nicht nur bei der Tour, sondern auch in Spanien das Maß aller Dinge ist.
Trotz seines Erfolgs hielt sich der Däne in Sachen Gesamtwertung noch bedeckt. „Ich habe mich großartig gefühlt und bin super glücklich. Aber das Rote Trikot war nicht das Ziel, es ging um den Etappensieg und darum, Zeit auf die Gegner gutzumachen“, erklärte Vingegaard im Ziel. Eine Botschaft, die man durchaus als Understatement verstehen darf, denn die Art und Weise seines Sieges wird in den anderen Teams für Alarm sorgen.
Nach dem Ruhetag in Pamplona geht es am Dienstag mit der zehnten Etappe weiter, die erneut eine kraftraubende Kletterpartie bereithält. Über 175,3 Kilometer führt die Strecke von Sendaviva in der Region Navarra bis hinauf nach El Ferrial Larra-Belagua, unweit der französischen Grenze. Auf dem Papier wirkt die Etappe zunächst unspektakulär: ein sanftes Auf und Ab, ehe nach gut 127 Kilometern der erste kategorisierte Anstieg wartet, der Alto de las Coronas (8,8 km bei 4,4 Prozent). Dort winken sowohl Bergpunkte als auch wertvolle Bonussekunden, was für frühe Angriffe sorgen könnte. Vor allem, wenn das Feld die Ausreißer nicht ziehen lässt.
Anschließend geht es weiter Richtung Isaba, wo ein Zwischensprint ansteht. Doch der wahre Prüfstein liegt ganz am Ende: der Schlussanstieg zum Larra-Belagua. Mit 9,4 Kilometern Länge und einer Durchschnittssteigung von 6,3 Prozent ist er sehr anspruchsvoll, besonders auf den steilen ersten Kilometern. Erst kurz vor dem Ziel flacht die Rampe ab. Ein Finale, das sowohl für Attacken der Favoriten als auch für Ausreißercoups prädestiniert ist.
Die Pyrenäen-Etappe weckt Erinnerungen: Schon 2023 endete die Vuelta hier. Damals setzte sich Remco Evenepoel im Duell mit Romain Bardet durch und betrieb nach einer Niederlage am Tourmalet Wiedergutmachung. Auch dieses Jahr dürfte der Anstieg nicht minder entscheidend werden. Vor allem, weil er direkt nach einem Ruhetag folgt. Ein berüchtigter Moment im Radsportkalender, in dem die Beine oft schwerer sind als erwartet und Einbrüche drohen.
Viele Experten tippen, dass die Ausreißergruppen dieses Mal eine größere Chance haben könnten. Ähnlich klang es jedoch auch vor der neunten Etappe, bei der Vingegaard bewies, dass er jederzeit bereit ist, die Kontrolle zu übernehmen. Wer glaubt, er werde sich zurücklehnen, könnte am Dienstag eines Besseren belehrt werden.
Damit läuft die Vuelta auf eine packende zweite Woche hinaus. Mit Vingegaard im Angriffsmodus, Almeida auf der Lauer und Traeen, der um sein Rotes Trikot kämpft, ist das Drehbuch für Spannung bereits geschrieben. Und noch sind es etliche Bergetappen bis Madrid. Es gibt also genug Gelegenheiten für Dramen, Überraschungen und vielleicht den nächsten Soloritt des dänischen Champions.
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