Ein Cousinenduell, ein Tenniswunder und ein Märchen aus Monaco: In Shanghai schockt Valentin Vacherot, Weltranglisten-204., die Tenniswelt und schreibt das wohl unglaublichste Kapitel der ATP-Saison.
Es gibt Siege, die sich größer anfühlen als ein Titel. Valentin Vacherots Triumph beim Masters in Shanghai gehört dazu. Der 26-Jährige aus Monaco besiegte im Finale seinen Cousin Arthur Rinderknech mit 4:6, 6:3, 6:3 und wurde damit der erste Monegasse überhaupt, der ein ATP-Turnier gewinnt. Noch dazu auf Masters-1000-Ebene, wo normalerweise die Giganten des Sports dominieren.
Dabei hatte der Weltranglisten-204. zu Beginn des Turniers wohl selbst kaum geglaubt, dass er Geschichte schreiben würde. Bisher stand nur ein einziger Sieg auf ATP-Niveau in seiner Bilanz, doch in Shanghai verwandelte Vacherot zwei Wochen lang jedes Match in eine kleine Sensation.
Schon der Weg ins Hauptfeld war hart. Er musste sich durch die Qualifikation kämpfen und drehte dort sowie später mehrfach Matches nach verlorenem ersten Satz. Gegner wie Laslo Djere, Alexander Bublik, Tomas Machac und Tallon Griekspoor mussten erkennen, dass dieser Unbekannte aus Monaco mehr als nur ein Außenseiter war. Spätestens nach den Siegen gegen den aufstrebenden Spieler Holger Rune und den vierfachen Shanghai-Champion Novak Đoković wurde aus dem Underdog ein Phänomen.
„Ich weiß gar nicht, was gerade passiert. Das ist kein Traum – es ist einfach verrückt“, sagte Vacherot sichtlich überwältigt nach seinem Triumph. „Aber ich denke, heute haben zwei gewonnen: unsere Familie und der Tennissport.“
Dass das Finale ausgerechnet gegen seinen Cousin stattfinden würde, war die vielleicht schönste Ironie dieser Geschichte. 2018 standen beide noch gemeinsam auf dem College-Court der Texas A&M University, Seite an Seite, weit entfernt von der großen Tennisbühne. Sie teilten Trainingsstunden, Rückschläge und Träume. Nun standen sie sich in einem der größten Finals der ATP gegenüber.
Rinderknech, inzwischen 30 Jahre alt und als Nummer 42 der Welt angereist, hatte ebenfalls ein beeindruckendes Turnier gespielt. Mit Siegen über Alexander Zverev, Jiri Lehecka, Felix Auger-Aliassime und Daniil Medvedev erreichte er erstmals das Finale eines Masters-1000-Turniers und sicherte sich damit einen Platz unter den Top 30 der Welt.
Im Endspiel begann er stark, druckvoll und mit präzisem Timing. Er machte nur zwei unerzwungene Fehler im ersten Satz, während Vacherot noch nach seinem Rhythmus suchte. Doch ab dem zweiten Satz kippte das Momentum: Vacherot verschärfte die Ballwechsel, drängte seinen Cousin weit hinter die Grundlinie und spielte sich in einen Rausch. 92 Prozent gewonnene Punkte beim ersten Aufschlag im dritten Satz – ein Wert, der selbst Djokovic neidisch machen würde. Nach 2 Stunden und 11 Minuten fiel Vacherot zu Boden, als der letzte Ball ins Aus segelte.
Mit diesem Sieg katapultierte sich der Monegasse um unglaubliche 164 Plätze in der Weltrangliste nach oben, auf Rang 40.
Sein Preisgeld betrug 1,124 Millionen Dollar und war damit fast doppelt so hoch wie die Summe, die er in seiner bisherigen Karriere insgesamt verdient hatte.
Für Vacherot war es nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein emotionaler Triumph. „Wenn ich zurückliege, habe ich keine Wahl. Dann muss ich mein bestes Tennis spielen“, sagte er. „Heute habe ich es geschafft, das umzusetzen.“
Sein Erfolg reiht sich in eine Reihe junger, mutiger Durchbrüche ein. Vacherot ist bereits der achte Debütsieger dieser Saison und der dritte Qualifikant in der Geschichte, der ein Masters-1000-Turnier gewinnt. Zuvor gelang dies zuletzt Roberto Carretero (1996) und Albert Portas (2001).
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