Was passiert, wenn eine Wimbledon-Siegerin keine Pause macht? Iga Swiatek liefert die Antwort in Montreal und lässt ihre Gegnerinnen verzweifeln.
Gerade erst hat sie in Wimbledon Geschichte geschrieben, jetzt spielt sie in Montreal, als sei nichts gewesen. Kein Jetlag, kein Sandplatz-Blues, keine Spur von Erschöpfung. Stattdessen zeigt sie pure Dominanz. Damit stellt sich dem gesamten WTA-Feld eine neue Frage: Ist Swiatek überhaupt noch zu stoppen?
Beim Omnium Banque Nationale in Montreal fegte die Polin in der zweiten Runde mit 6:3, 6:1 über die chinesische Qualifikantin Guo Hanyu hinweg und zwar auf eine Art und Weise, wie es nur eine frisch gekrönte Grand-Slam-Siegerin kann. Vier Spiele in Serie zu Beginn, sechs Breaks insgesamt, kaum ein Wackler. Das Match dauerte 73 Minuten, gefühlt war es nach 15 Minuten vorbei.
Damit setzte Swiatek eine beeindruckende Serie fort: Sie hat nun 63 Erstrundenmatches auf der WTA-Tour in Folge gewonnen. Ein Kunststück, das zuletzt Monica Seles zwischen 1990 und 1996 gelang. Und es hätte sogar noch epischer werden können: Nach 24 gewonnenen Spielen am Stück kassierte Swiatek gegen Guo tatsächlich mal wieder ein Game. Das letzte hatte sie vor 20 Tagen abgegeben, seitdem lagen ein 6:0, 6:0-Finale in Wimbledon gegen Amanda Anisimova und ein Kurzurlaub am Meer dazwischen.
Guo Hanyu war bemüht, aber chancenlos. Die 27-jährige Chinesin hatte sich über die Qualifikation ins Hauptfeld gekämpft und in der ersten Runde gegen Yulia Putintseva ihren ersten WTA-Hauptfeldsieg gefeiert. Als Doppelspielerin ist sie durchaus erfolgreich, zwei Titel in diesem Jahr, unter anderem in Bad Homburg, doch im Einzel war Swiatek eine Nummer zu groß. Zu schnell, zu präzise, zu konstant.
Dabei ist der Blick nach vorne fast noch spannender als das Match selbst. In Runde drei trifft Swiatek entweder auf Anastasia Pavlyuchenkova oder Eva Lys. Und man muss kein Prophet sein, um zu erahnen: Wer auch immer sich dieses Duell „verdient”, wird keine Gnade erfahren.
Was die Konkurrenz noch nervöser machen dürfte: Swiatek wirkt nicht nur souverän, sondern auch verändert. In Wimbledon hatte sie ihr Spiel offensiver ausgerichtet, nahm mehr Risiko, servierte druckvoller und spielte die Grundschläge flacher. Diese Transformation von der reinen Sicherheitsspielerin zur aggressiven Alleskönnerin scheint sie mit in die Hartplatzsaison zu nehmen. Und genau das könnte im Duell mit der aktuellen Nummer 1, Aryna Sabalenka, das Zünglein an der Waage sein.
Sabalenka führt das Ranking seit 41 Wochen ununterbrochen an. Doch Swiatek war bereits 125 Wochen lang die Nummer eins und steht damit auf Rang sieben der Allzeitliste. Montreal könnte das nächste Kapitel in dieser spannenden Rivalität schreiben. Zumal Swiatek noch eine Rechnung offen hat. Bei ihrem bisher besten Auftritt in Kanada, dem Halbfinale 2022, unterlag sie der späteren Siegerin Jessica Pegula. Bislang sind Montreal und Cincinnati die einzigen WTA-1000-Turniere, bei denen Swiatek nie das Finale erreicht hat. Noch nicht.
Was also erwartet uns in den kommenden Tagen? Vielleicht ein erneuter Titel. Vielleicht ein erneuter Beweis dafür, dass Swiatek nach einem turbulenten Jahr mit Trainerwechsel und Sperre stärker zurück ist als je zuvor. Und vielleicht auch ein Vorgeschmack auf die French Open 2025, bei denen sie ohnehin schon als Favoritin gesetzt wäre. Eines scheint jetzt schon sicher: Wer gegen Swiatek spielt, braucht mehr als nur einen guten Tag, er braucht ein kleines Wunder.
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