Wer kann Iga Swiatek eigentlich noch stoppen? Während die Polin in Wuhan ihren 60. Saisonsieg einfährt, schreibt Laura Siegemund mit Kampfgeist, Erfahrung und einer gehörigen Portion Trotz ein ganz eigenes Kapitel.
Iga Świątek scheint in einem eigenen Tennisuniversum zu schweben: Sie spielt präzise, unnachgiebig und nahezu mathematisch effizient. In Wuhan ließ sie Marie Bouzková keine Chance und gewann 6:1, 6:1. Ein 79-minütiges Lehrstück über Dominanz und Geduld. Damit hat Swiatek 60 Saisonsiege auf dem Konto und ist die erste Spielerin dieses Jahrhunderts, der dies vier Jahre in Folge gelingt. Ein Rekord, der sich liest wie aus einer anderen Ära, als Martina Hingis und Lindsay Davenport noch die Maßstäbe setzten.
Für Bouzkova hingegen war es der siebte Versuch in diesem Jahr, eine Top-10-Spielerin zu schlagen und der siebte Fehlschlag. Swiatek dominierte ihren Aufschlag, holte 31 von 51 Punkten und nahm der Tschechin sechsmal den Service ab. Kein Zucken, keine Pause, nur stoische Präzision.
Und doch klingt aus Swiateks Worten keine Überheblichkeit, sondern Demut: „Es ist hart, immer zu gewinnen. Ich versuche einfach, jeden Tag besser zu werden.” Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis: kein Druck, nur Entwicklung. Auch wenn sie in Peking überraschend gegen Emma Navarro verloren hatte, strahlt sie nun wieder jene Unerschütterlichkeit aus, die sie zu einer der konstantesten Spielerinnen im modernen Tennis macht.
17 Turniere, drei Titel: Wimbledon, Cincinnati und Seoul. Das klingt solide, doch für Swiatek, die jede Statistik zu sprengen scheint, ist das fast schon Understatement. Bei WTA-1000-Events hat sie inzwischen 31 Erstrundenmatches in Folge gewonnen. Nur Martina Hingis war je besser. Und ihre 100. Zweisatz-Siegpartie in nur 153 Matches? Nur Serena Williams erreichte diese Marke schneller.
Während Swiatek auf dem Weg zur nächsten Trophäe ist, erlebt Laura Siegemund in Wuhan ihr ganz eigenes Tennis-Märchen. Mit 37 Jahren und einem Weltranglistenplatz von 57 ist sie zu allem fähig. Drei Stunden und eine Minute dauerte ihr Sieg gegen die 18-jährige Mirra Andreeva, die neue Hoffnung des russischen Tennissports. 6:7, 6:3, 6:3. Ein Marathon, bei dem Siegemund die Geduld und Cleverness einer erfahrenen Taktikerin ausspielte.
Andreeva, die im Februar in Dubai als jüngste WTA-1000-Siegerin aller Zeiten Geschichte schrieb, wirkte phasenweise fahrig. 15 Doppelfehler und acht Aufschlagverluste sind auf diesem Niveau zu viele Geschenke. Seit ihrem Einzug ins Viertelfinale in Wimbledon hat sie nur fünf von neun Matches gewonnen; die Leichtigkeit vom Jahresanfang scheint verflogen zu sein. „Am Anfang des Jahres war der Druck geringer“, hatte sie vor Turnierbeginn gesagt. „Jetzt lerne ich, mit den Erwartungen umzugehen.“
Siegemund dagegen kennt den Druck nur zu gut und weiß, wie man ihn für sich nutzt. Schon in Melbourne war sie Anfang des Jahres durch einen Sieg über Zheng Qinwen aufgefallen, in Wimbledon eliminierte sie Madison Keys, die Siegerin der Australian Open. Sie lebt von der Mischung aus Raffinesse und Hartnäckigkeit. Ein Spiel, das manchmal unbequem, aber stets bewundernswert ist.
Nun wartet auf sie die Siegerin aus dem Duell Karolina Muchova gegen Magdalena Frech. Und wer Siegemund kennt, weiß: Sie wird wieder kämpfen, als ginge es um ein Finale.
Für Swiatek geht es derweil um mehr als den nächsten Sieg. Es geht um das Momentum Richtung Saisonfinale, um das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Spiel zurückzuerlangen. Vielleicht mit Blick auf die kommenden French Open, bei denen sie ihre Stärke auf Sand erneut unter Beweis stellen will.
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