Jannik Sinner spielt in Cincinnati wie entfesselt und fegt Felix Auger-Aliassime in nur 71 Minuten vom Platz. Nun könnte jedoch ein Giganten-Duell um die Nummer eins bevorstehen.
Jannik Sinner hat einmal mehr unter Beweis gestellt, warum er derzeit als Maßstab auf der ATP-Tour gilt. Beim Cincinnati Open verwandelte er sein Viertelfinale gegen Felix Auger-Aliassime in eine Machtdemonstration. Der 6:0, 6:2-Erfolg war nicht nur sein erster Sieg überhaupt gegen den Kanadier, sondern auch ein Statement an die gesamte Konkurrenz: Wer Sinner schlagen will, muss derzeit perfekt Tennis spielen.
Noch vor drei Jahren sah die Bilanz gegen Auger-Aliassime für den Italiener katastrophal aus: Zwei Duelle, zwei Niederlagen, nur ein Satzgewinn. Doch das war, bevor Sinner den Sprung in die Top 10 und schließlich auf Platz eins der Weltrangliste geschafft hat. In Ohio diktierte er nun von Beginn an das Geschehen, setzte den Kanadier mit aggressiven Returns unter Druck und nutzte 80 Prozent der Punkte auf dessen zweiten Aufschlag. Der Schlüssel zu einem völlig einseitigen ersten Satz.
„Ich habe heute unglaublich gut retourniert, das war der Knackpunkt“, erklärte Sinner nach der Partie. „Als er mich im zweiten Satz einmal breakte, hätte es kippen können. Aber ich konnte direkt zurückschlagen und mein Spiel weiter durchziehen.“
Auger-Aliassime fand nie wirklich in die Partie. 13 unerzwungene Fehler im ersten Durchgang und acht Doppelfehler im gesamten Match waren zu viele Geschenke gegen einen Gegner, der derzeit wie eine Maschine wirkt. Zwar führte der 23. der Setzliste kurz mit 2:0 im zweiten Satz, doch Sinner brach sofort seinen Widerstand. Es wirkte, als hätte der Kanadier den Faden komplett verloren, während der Italiener auf der anderen Seite wie ein Uhrwerk Punkt für Punkt abspulte.
Dass Sinner aktuell nicht nur Matches gewinnt, sondern seine Gegner regelrecht demontiert, zeigen auch die Zahlen: In Cincinnati hat er noch keinen Satz abgegeben. Sein Erstrundensieg gegen Daniel Elahi Galan war mit 59 Minuten sogar der schnellste seiner Saison bis zu diesem Viertelfinale, das nur knapp länger dauerte.
Mit dem Erfolg gegen Félix Auger-Aliassime baute Jannik Sinner seine Siegesserie auf Hartplatz auf beeindruckende 25 Matches aus. Damit reiht er sich in einen elitären Kreis ein, dem in diesem Jahrhundert nur Roger Federer, Novak Djokovic, Rafael Nadal und Andy Murray angehören. Seine letzte Niederlage auf Hartplatz? Im Oktober gegen Carlos Alcaraz im Finale von Peking. Seitdem hat er unter anderem die Nitto ATP Finals und die Australian Open gewonnen.
Dieses Turnier ist sein erstes seit dem Triumph in Wimbledon und die Saisonbilanz liest sich wie aus einem Tennis-Märchen: 30 Siege, nur drei Niederlagen. Zudem steht er kurz vor einem weiteren Meilenstein: Nur sieben Siege fehlen ihm noch, um die Marke von 300 Karriereerfolgen zu knacken. Seine Teilnahme an den Nitto ATP Finals im November ist bereits sicher, er ist der zweite Spieler nach Alcaraz.
Und genau dieser Alcaraz könnte in den kommenden Wochen zu seinem entscheidenden Rivalen werden. Der Spanier liegt in der Live-Wertung für das Jahresend-Ranking 1 440 Punkte vor Sinner. Beide jagen den Titel „ATP Year-End No. 1“. Während Sinner im Halbfinale entweder auf Holger Rune oder Terence Atmane trifft, kämpft Alcaraz in Cincinnati im Viertelfinale gegen Andrey Rublev um den Einzug unter die letzten Vier.
Die Aussicht auf ein mögliches Duell zwischen Sinner und Alcaraz elektrisiert die Fans. Zwei junge Ausnahmetalente, die sich seit Jahren gegenseitig an ihre Grenzen bringen, treten nun im direkten Wettbewerb um den Spitzenplatz gegeneinander an. Das klingt nach dem nächsten Tennis-Klassiker.
Doch Sinner weiß: Erst einmal gilt es, das Halbfinale zu meistern. „Jeder Tag ist anders. Heute war großartig, aber morgen ist ein freier Tag. Dann schauen wir, was im Halbfinale möglich ist“, sagt er mit einem Lächeln. Dabei ist ihm bewusst, dass er derzeit in der Form seines Lebens ist.
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