Jannik Sinner hat Alexander Zverev in Wien besiegt und damit einmal mehr unter Beweis gestellt, warum er derzeit der unbestrittene König des Hallentennis ist.
Ein leichtes Humpeln, ein Krampf im Oberschenkel und doch ein Triumph voller Willenskraft: In Wien hat Jannik Sinner einmal mehr bewiesen, dass Tennis nicht nur auf dem Schläger, sondern vor allem im Kopf entschieden wird. Mit einem 3:6, 6:3, 7:5 gegen Alexander Zverev krönte sich der Italiener zum Sieger des Erste Bank Open. Trotz eines körperlich angeschlagenen Finales verteidigte er seinen Titel aus dem Vorjahr. Das Finale war alles andere als ein Spaziergang.
Sinner, der derzeit eine unglaubliche Siegesserie von 21 Matches auf Hallen-Hartplätzen vorweisen kann, begann das Finale gegen einen entfesselt aufspielenden Zverev denkbar ungünstig. Der Deutsche, selbst Sieger in Wien 2021, spielte wie entfesselt, traf aus der Hüfte präzise und diktierte die Ballwechsel von der Grundlinie. Schon früh lag Sinner ein Break hinten, sein Bewegungsapparat schien zu stocken und es wurden Erinnerungen an seine Aufgabe in Shanghai wegen Krämpfen wach.
Doch wer glaubte, der Italiener würde erneut körperlich einbrechen, wurde eines Besseren belehrt. Er biss sich in die Partie, suchte mentale Stabilität und begann, sobald er den Rhythmus gefunden hatte, das Match zu kippen. Der zweite Satz wurde zur Demonstration: variable Aufschläge, präzise Grundlinienschläge und das geduldige Herausarbeiten der Punkte. Sinner spielte wie ein Spieler, der verstanden hat, dass Dominanz auf Geduld basiert.
„Ich hatte Chancen im ersten Satz, konnte sie aber nicht nutzen“, sagte Sinner später. „Er hat großartig aufgeschlagen, aber ich wollte einfach da bleiben, ruhig bleiben und mein bestes Tennis spielen, wenn es darauf ankommt.“
Der dritte Satz war dann ein Drama in drei Akten. Die beiden Spieler lieferten sich packende Ballwechsel, bis Sinner plötzlich wieder zu humpeln begann. Der Krampf im linken Oberschenkel war zurück und das ausgerechnet im entscheidenden Moment. Doch statt aufzugeben, griff Sinner zu einer unorthodoxen Maßnahme: Picklesaft. Zwischen den Seitenwechseln trank der Italiener die salzige Flüssigkeit, um seine Muskulatur zu beruhigen und das mit Erfolg.
Die Schlussphase glich einem Nervenkrimi. Zverev setzte Sinner unter Druck, doch dieser konterte immer wieder. Als der Deutsche beim Stand von 5:5 einen langen Ballwechsel mit einem Rückhandfehler beendete, witterte Sinner seine Chance. Er holte sich das entscheidende Break zum 6:5 und servierte kurz darauf eiskalt zum Sieg aus. Nach zwei Stunden und 29 Minuten purer Intensität endete das Spiel mit einem erleichterten Jubel des Italieners, der anschließend auf die Knie sank.
„Das war unglaublich hart“, gab Sinner zu. „Das Wichtigste war, nicht aufzugeben. Ich musste klug spielen, Energie sparen, besonders bei eigenem Aufschlag. Am Ende war das der Schlüssel.“
Mit diesem Sieg zieht Sinner in der direkten Bilanz gegen Zverev (4:4) gleich und reiht sich in eine illustre Gesellschaft ein. Gemeinsam mit Roger Federer und Andy Murray gehört er nun zu den Spielern, die den Wiener Titel zweimal gewinnen konnten, während sie Teil des exklusiven ATP-No.-1-Clubs waren.
Für Zverev blieb nur der Trost, dass er mit seinem starken Lauf in Wien wichtige Punkte im Rennen um Turin sammelte. Seit Freitag steht fest, dass er neben Sinner, Carlos Alcaraz und Novak Djokovic beim Saisonfinale der Nitto ATP Finals antreten wird. Sein Ziel, endlich wieder einen Top-5-Spieler zu schlagen, verpasste der Deutsche knapp, doch die Formkurve zeigt klar nach oben.
Sinner hingegen blickt mit breiter Brust auf die letzten Höhepunkte des Jahres: das Rolex Paris Masters und die Nitto ATP Finals. Mit einer Saisonbilanz von 48 Siegen bei nur sechs Niederlagen hat der 24-Jährige längst bewiesen, dass er zu den besten Spielern der Welt gehört. Er definiert gerade, was Siegermentalität auf der ATP-Tour bedeutet.
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