Es sollte ein Tennisfest werden, doch es endete in Tränen: Grigor Dimitrov musste im Achtelfinale von Wimbledon gegen Jannik Sinner verletzungsbedingt aufgeben. Ausgerechnet in einem Moment, in dem der Bulgare das Geschehen unter Kontrolle hatte.
Dimitrov führte mit 6:3, 7:5, 2:2, als er plötzlich zusammenbrach. Nach einem Aufschlag zum 2:2 im dritten Satz griff er sich unter Schmerzen an die rechte Brustmuskulatur und ging zu Boden. Sinner sprintete sofort um das Netz herum, um seinem Kontrahenten beizustehen, ein Moment, der allen Zuschauern unter die Haut ging.
Die Szene hatte sich bereits angedeutet, als Dimitrov zuvor eine Rückhandvolley verzog, sich sofort an den Brustbereich griff und einen gezeichneten Eindruck machte. Kurz darauf wurde es Gewissheit: Der Bulgare, der in den vergangenen zwölf Monaten immer wieder von Verletzungen ausgebremst worden war, konnte nicht mehr weiterspielen. Unter Tränen verließ er den Platz – zum fünften Mal in Folge musste er bei einem Grand Slam aufgeben.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich sagen soll“, meinte Sinner sichtlich bewegt nach dem Abbruch. „Grigor ist ein unglaublicher Spieler. Ich glaube, das haben heute alle gesehen. Er hat in den letzten Jahren so viel Pech gehabt.“ Mit großem Respekt sprach Sinner über seinen Kollegen und Freund: „Er ist einer der härtesten Arbeiter auf der Tour. Es ist sehr bitter, ihn so zu sehen.“
Dabei hatte es zunächst ganz anders ausgesehen. Sinner, der als Topgesetzter ins Turnier gegangen war und bis dahin gerade einmal 17 Spiele insgesamt abgegeben hatte, ein Rekord in der Open Era, den zuvor nur Jan Kodes 1972 erreichte,, wirkte in den ersten beiden Sätzen angeschlagen. Gleich im ersten Spiel stürzte er schwer und fand gegen Dimitrovs variantenreiches Spiel lange keinen Rhythmus.
Doch nicht Sinner, sondern Dimitrov hielt dem physischen Druck nicht stand. Der Bulgare hatte im vergangenen Jahr bei Wimbledon schon im Achtelfinale gegen Daniil Medvedev verletzt aufgeben müssen. Wenige Wochen später folgte bei den US Open das nächste Aus wegen körperlicher Probleme. Im Januar 2025 folgte der nächste Schock: Dimitrov musste in der ersten Runde der Australian Open erneut verletzt aufgeben. Und erst vor einem Monat musste er bei den French Open sein Match abbrechen, bevor er überhaupt richtig ins Turnier starten konnte.
Trotz dieser Leidensgeschichte sorgte Dimitrov in Wimbledon für Furore. Auf dem Rasen des All England Clubs zeigte er einmal mehr, warum er als einer der elegantesten Spieler der Tour gilt. Er stand kurz davor, nach seinem Triumph über Novak Djokovic 2013 in Madrid zum zweiten Mal in seiner Karriere einen Weltranglistenersten zu schlagen.
Doch es sollte nicht sein. Sinner, der seinen Kontrahenten schon vor der Verletzung am Rande der Niederlage sah, betonte ausdrücklich: „Ich nehme das nicht als Sieg. Das war für uns alle ein schrecklicher Moment.“
Für den Italiener geht das Turnier dennoch weiter. Er steht zum vierten Mal in Folge im Viertelfinale von Wimbledon und trifft dort auf den US-Amerikaner Ben Shelton. Gegen den 22-Jährigen, der sich zuvor in vier Sätzen gegen Lorenzo Sonego durchsetzte, führt Sinner mit 5:1 im direkten Vergleich. Shelton erreicht erstmals das Viertelfinale in Wimbledon und dürfte hochmotiviert ins Match gehen.
Sinners Traum vom ersten Wimbledon-Titel und seinem insgesamt vierten Grand-Slam-Erfolg bleibt intakt. Doch nach diesem emotionalen Tag dürfte es schwerfallen, den Fokus zu halten.
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