Die letzte Deutsche ist raus! Laura Siegemund kämpfte verbissen und schnupperte an der Sensation, doch dann kam Aryna Sabalenka. Wie konnte das passieren?
Es hätte ein Tennis-Märchen werden können. Laura Siegemund, die unbeirrbare Kämpferin aus Deutschland, forderte die derzeit wohl mächtigste Frau im Damentennis heraus. Und sie machte es spannend, richtig spannend. Ein Satzgewinn, dann die Hoffnung. Doch am Ende setzte sich einmal mehr das Power-Paket aus Belarus durch. Aryna Sabalenka gewann das packende Viertelfinale mit 4:6, 6:2, 6:4 und beendete damit die letzte deutsche Hoffnung beim diesjährigen Wimbledon-Turnier.
Dabei sah es anfangs gar nicht so eindeutig aus. Siegemund, bekannt für ihre taktische Cleverness und ihren Kampfgeist, brachte Sabalenka mit klugen Stopps und variantenreichem Spiel aus dem Konzept. Der Lohn: Der erste Satz ging an die Deutsche, die sich sichtlich in einen Rausch spielte.
Doch Sabalenka wäre nicht die Nummer eins der Welt, wenn sie für solche Momente keine Lösung parat hätte. Sie tat das, was sie in diesem Jahr perfektioniert hatte: Sie blieb aggressiv. Sie blieb fokussiert. Vor allem aber blieb sie in den entscheidenden Momenten eiskalt.
Sabalenkas Erfolgsformel? Es ist die Mischung aus brutaler Schlagkraft und neuer Nervenstärke, insbesondere in engen Matches. In dieser Saison hat sie sage und schreibe 14 Tiebreaks in Folge gewonnen, was im Damentennis fast schon eine absurde Zahl ist. Die Wahrscheinlichkeit, so eine Serie zu starten, beträgt winzige 0,006 Prozent. Winzige 0,006 Prozent. Seit Beginn der Open Era ist das überhaupt erst einer Spielerin vor ihr gelungen.
„Ich denke, der Schlüssel ist, dass ich während des Matches nicht an diese Statistiken denke“, erklärte Sabalenka zuletzt zu ihrer Tiebreak-Dominanz. „Im Tiebreak kann alles passieren. Man muss bei jedem Punkt voll da sein und mutig bleiben.“ Ein einfaches Rezept, das sie wie keine andere aktuell umsetzt.
Schon jetzt steht fest: Sabalenka ist die erste Spielerin, die sich für die WTA Finals in Riad qualifiziert hat. Mit über 6.600 Punkten liegt sie in der Jahreswertung einsam an der Spitze und hat mehr als 2.000 Zähler Vorsprung auf die Konkurrenz. Kein Wunder, denn sie hat bereits 47 Matches in diesem Jahr gewonnen und damit mehr als jede andere Spielerin auf der Tour.
Seit sie im vergangenen Herbst auf den Tennisthron zurückgekehrt ist, hält sie sich mit beeindruckender Konstanz dort. 37 Wochen in Folge thront sie nun auf Platz eins, insgesamt bereits 45 Wochen. Damit hat sie Tennisgrößen wie Angelique Kerber, Naomi Osaka oder Maria Sharapova bereits hinter sich gelassen.
Ihr Auftritt in Wimbledon ist ein weiteres Kapitel dieser Dominanz. Zum dritten Mal in Folge steht sie im Halbfinale – eine Serie, die zuletzt nur Serena Williams zwischen 2015 und 2019 gelang. Insgesamt hat Sabalenka in den letzten elf Grand Slams zehn Mal mindestens das Halbfinale erreicht; das schaffte in diesem Jahrhundert neben Williams keine andere Spielerin.
Doch nicht nur diese Zahlen beeindrucken, sondern auch ihre neue Gelassenheit in Krisenmomenten. Schon in der dritten Runde gegen die Lokalmatadorin Emma Raducanu lag sie zweimal deutlich zurück und zeigte zwischenzeitlich alte Unsicherheiten wie hängende Schultern, Selbstgespräche und Frust. Doch sie raffte sich auf, gewann den ersten Satz im Tiebreak und drehte schließlich auch den zweiten. „Früher hätte ich da wahrscheinlich den Verstand verloren und den Satz noch 5:7 abgegeben“, gestand sie hinterher offen. „Aber mit den Jahren und der Erfahrung habe ich gelernt, ruhig zu bleiben.“
Diese Ruhe und dieser Hunger machen Sabalenka aktuell nahezu unantastbar. Sie weiß: Der Moment zählt. Dieser Moment trägt sie nicht nur ins Halbfinale von Wimbledon, sondern auch zum Saisonfinale nach Riad. Es wird ihre fünfte Teilnahme in Folge sein und vielleicht der nächste große Triumph in einem Jahr, das längst ihren Namen trägt.
Die Frage ist also nicht mehr, ob Sabalenka auch Wimbledon gewinnen kann. Die Frage ist vielmehr: Wer kann sie überhaupt noch stoppen?
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