Zverev ist raus, Rinderknech jubelt und die Jugend mischt mit. In Shanghai liefern Außenseiter große Geschichten, während Daniil Medvedev still und souverän zu alter Meisterform zurückfindet.
Es gibt Niederlagen, die schmerzen, und solche, die sich wie ein Deja-vu anfühlen. Für Alexander Zverev war das Duell gegen Arthur Rinderknech in Shanghai genau das: ein Wiedersehen mit einem Gegner, der ihn schon bei den French Open und zuletzt in Wimbledon aus dem Konzept gebracht hatte. Am Montag wiederholte sich die Geschichte, und sie war für den Deutschen kaum leichter zu verdauen.
Mit 4:6, 6:3, 6:2 setzte sich der 30-jährige Franzose durch und schickte den Weltranglistendritten überraschend nach Hause. Es war Rinderknechs zweiter Sieg in Folge gegen Zverev und vielleicht sein überzeugendster Auftritt des Jahres. Während Zverev im dritten Satz immer wieder erschöpft zwischen den Ballwechseln durchatmete, wirkte Rinderknech frisch, zielstrebig und angriffslustig. 24 von 29 Punkten am Netz holte der Franzose in den entscheidenden Durchgängen. Ein Wert, der zeigt, mit welcher Konsequenz er das Spiel an sich riss.
„Das ist riesig“, sagte Rinderknech nach seinem Coup. „Ich musste mein bestes Tennis zeigen, um jemanden wie Sascha zu schlagen, der seit Jahren in den Top 5 steht. Vielleicht habe ich ein bisschen Glück gegen ihn, aber ich freue mich einfach riesig.“
Mit diesem Erfolg steht Rinderknech erstmals in dieser Saison im Achtelfinale eines Masters-1000-Turniers und zum dritten Mal in seiner Karriere nach Toronto und Paris. In der Live-Weltrangliste klettert er um fünf Plätze auf Rang 49.
Sein nächster Gegner ist der Tscheche Jiri Lehecka, der sich mit einem klaren 6:4, 6:4 über Denis Shapovalov ebenfalls in blendender Form präsentierte.
Für Alexander Zverev ist das frühe Aus in Shanghai ein Dämpfer, auch wenn er in der „PIF ATP Live Race to Turin“ mit komfortablen 1.475 Punkten Vorsprung auf den Zehntplatzierten Felix Auger-Aliassime weiterhin auf Platz vier liegt. Nachdem bereits Jannik Sinner am Sonntag verletzungsbedingt aufgeben musste, war Zverev der höchstplatzierte Spieler im Turnier. Nun, da auch er gescheitert ist, ist das Turnier in Shanghai spannender als erwartet.
Während Zverevs Traum von einem späten Herbsttitel geplatzt ist, sorgt ein anderer Name für Aufsehen: Leander Tien. Der 19-jährige Amerikaner gilt als eines der aufregendsten Talente der neuen Generation und bestätigte dies eindrucksvoll. Mit 7:6 (4), 6:3 bezwang er den erfahrenen Cameron Norrie und erreichte zum ersten Mal in seiner Karriere das Achtelfinale eines Masters-Events.
Dabei war es nicht nur der Sieg, der beeindruckte, sondern auch die Art und Weise, wie Tien spielte: frech, nervenstark und mit einem taktischen Gespür, das man sonst eher bei Spielern mit zehn Jahren mehr Tourerfahrung erwarten würde. Acht von zehn Breakbällen wehrte der Linkshänder ab, darunter alle sechs im zweiten Satz, und bewahrte bei einem Stand von 4:3 und 0:40 einen kühlen Kopf. Anstatt einzubrechen, drehte er auf und brach Norrie kurz darauf zum entscheidenden Zeitpunkt.
„Ich habe im Moment viel Selbstvertrauen“, sagte Tien. „Ich habe in den letzten Wochen Matches gewonnen, in denen ich schon fast raus war. Das gibt mir das Gefühl, dass ich immer einen Weg finde.“
Ein Weg, der ihn nun direkt zu Daniil Medvedev führt und damit zu einem der härtesten Tests seiner jungen Karriere. Medvedev, einst Titelträger in Shanghai (2019), erreichte mit einem 6:3, 7:6(5)-Sieg gegen Alejandro Davidovich Fokina die nächste Runde und scheint nach einem schwierigen Jahr wieder zu seiner alten Stabilität zurückzufinden.
Es ist das Duell der Generationen: Hier haben wir den taktisch kalten, präzise agierenden Russen, dort den mutigen Youngster, der mit jugendlicher Leichtigkeit Grenzen austestet. Kann Tien auch gegen einen Spieler wie Medvedev bestehen? Oder zeigt der frühere Weltranglistenerste, dass Routine und Geduld immer noch die schärfsten Waffen sind?
Shanghai liefert einmal mehr das, was Tennis so faszinierend macht: Geschichten von Aufbruch und Rückschlag, vom Mut der Jungen und der Erfahrung der Alten. Rinderknech, Tien, Medvedev. Sie alle stehen für unterschiedliche Kapitel desselben Dramas. Und irgendwo dazwischen sucht Alexander Zverev nach Antworten, wie man ein Deja-vu endlich besiegt.
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