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Pressing wie in Liverpool: So verändert Klopp das DFB-Team

Jürgen Klopp verändert das DFB-Team sofort: hohes Pressing, mehr Tempo und klare Rollen. Unsere Taktikanalyse erklärt Pressing, Formation, Rollen und Spielernoten.

Der perfekte Einstand fehlte nur um wenige Minuten. Die deutsche Nationalmannschaft spielte bei Jürgen Klopps Debüt als Bundestrainer 1:1 gegen die Niederlande. Deutschland führte in Amsterdam nach dem Treffer von Felix Nmecha in der 32. Minute lange mit 1:0, ehe Cody Gakpo in der 92. Minute noch den Ausgleich erzielte.

Dem späten Gegentor ging ein schwerer Ballverlust des eingewechselten Serge Gnabry voraus. Ruben van Bommel nutzte den freien Raum anschließend für eine starke Außenristflanke, die Gakpo am zweiten Pfosten verwertete.

Das Fazit nach Jürgen Klopps erstem Spiel:

Das wichtigste positive Signal war nicht das Ergebnis, sondern die Einstellung der Mannschaft. Deutschland spielte mit einer Intensität, die in den vergangenen Jahren nicht immer selbstverständlich war.

Die Spieler liefen den Gegner konsequent an, unterstützten sich gegenseitig und gingen engagiert in die Zweikämpfe. Selbst nach überspielten Pressingaktionen versuchte die Mannschaft, schnell zurück in ihre defensive Ordnung zu kommen.

Klopp zeigte sich entsprechend zufrieden mit der Leidenschaft seiner Spieler. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Mannschaft taktisch noch lange nicht am Ziel sei. Auch Kapitän Joshua Kimmich sprach von einem intensiven Spiel, in dem noch nicht alles funktioniert habe, sich aber bereits viele Abläufe gut angefühlt hätten. 

Der Unterschied zwischen beiden Halbzeiten war allerdings deutlich. Vor der Pause konnte Deutschland die Partie über längere Phasen kontrollieren und nach Ballgewinnen gefährlich umschalten. Im zweiten Durchgang zog sich die Mannschaft weiter zurück und überließ den Niederlanden zunehmend die Initiative.

So spielte Deutschland gegen die Niederlande unter Jürgen Klopp:

Deutschland begann nominell in einem 4-2-3-1-System:

Marc-André ter Stegen – Philipp Treu, Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck, Nathaniel Brown – Joshua Kimmich, Felix Nmecha – Karim Adeyemi, Nadiem Amiri, Kevin Schade – Kai Havertz

Jamal Musiala sollte ursprünglich auf der Zehn spielen, musste jedoch kurz vor dem Anstoß wegen muskulärer Probleme passen. Amiri rückte kurzfristig in die Startelf. Nach nur 30 Minuten musste auch Havertz verletzt ausgewechselt werden. Für ihn kam der Debütant Younes Ebnoutalib. 

Gegen den Ball: 4-4-2 mit hohem Pressing

Gegen den Ball wurde aus dem 4-2-3-1 häufig ein 4-4-2. Amiri rückte neben Havertz beziehungsweise später Ebnoutalib in die erste Pressinglinie.

Die beiden Angreifer versuchten, das niederländische Aufbauspiel nach außen zu lenken. Sobald der Ball auf einen Außenverteidiger gespielt wurde, rückten Adeyemi oder Schade aggressiv heraus. Gleichzeitig schoben die deutschen Außenverteidiger nach vorne, während Kimmich und Nmecha die Passwege ins Zentrum schließen sollten.

Dieses Vorgehen erinnerte phasenweise an Klopps Fußball bei Liverpool:

  • aggressives Anlaufen der Innenverteidiger

  • Pressing als gesamte Mannschaft

  • sofortiger Angriff nach Ballgewinn

  • schnelle Vertikalpässe

  • Tiefenläufe der Außenspieler

  • hohe Laufbereitschaft auf allen Positionen

Noch waren die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen nicht immer optimal. Wurde die erste Pressinglinie überspielt, konnte sich die Niederlande teilweise zu einfach bis in die deutsche Hälfte kombinieren.

Nach Ballgewinnen ging es sofort nach vorne

Besonders auffällig war der Wille, nach einem Ballgewinn nicht erst lange den eigenen Ballbesitz abzusichern. Deutschland suchte sofort den vertikalen Pass.

Adeyemi und Schade starteten früh in die Tiefe, während Nmecha den Ball aus dem Mittelfeld nach vorne trieb. Kimmich sicherte diese Aktionen ab und verlagerte das Spiel auf die jeweils offene Seite.

Das deutsche Führungstor war ein gutes Beispiel für diese neue Zielstrebigkeit. Kimmich verlagerte den Ball nach rechts zu Treu. Der Rechtsverteidiger spielte flach und scharf in den Strafraum. Über Adeyemi kam der Ball zu Nmecha, der schneller reagierte als die niederländischen Verteidiger und zum 1:0 traf. 

Die Aufgaben der deutschen Spieler im Klopp-System:

Joshua Kimmich als taktische Schaltzentrale

Klopp stellte Joshua Kimmich wieder dauerhaft ins zentrale Mittelfeld. Der Kapitän spielte als tiefer Sechser und war für die Organisation verantwortlich.

Bei deutschem Ballbesitz ließ sich Kimmich teilweise weit zurückfallen, um den Spielaufbau zu unterstützen. Gegen den Ball hielt er die Position vor den Innenverteidigern und gab seinen Mitspielern permanent Anweisungen.

Kimmich war das Metronom der Mannschaft. Er bestimmte das Tempo, verlagerte das Spiel und leitete mehrere Umschaltaktionen ein. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass Nmecha häufiger nach vorne rücken konnte.

Felix Nmecha als laufstarker Box-to-Box-Spieler

Nmecha übernahm die dynamischere Rolle der Doppelsechs. Er attackierte den Gegner weiter vorne, unterstützte das Pressing und bewegte sich bei eigenem Ballbesitz regelmäßig in die niederländische Hälfte.

Sein Treffer war kein Zufall. Nmecha suchte konsequent den Weg in den Strafraum und reagierte beim abgeprallten Ball schneller als seine Gegenspieler. Nach seiner Auswechslung in der 64. Minute verlor Deutschland sichtbar an Präsenz und Kontrolle im Zentrum.

Schnelle Außenspieler als wichtigste Umschaltwaffe

Mit Adeyemi und Schade setzte Klopp auf beiden Flügeln auf enormes Tempo. Beide sollten nach Ballgewinnen sofort in die Tiefe starten.

Adeyemi interpretierte seine Rolle besonders offensiv und zog regelmäßig in den Strafraum. Schade hielt auf der linken Seite häufiger die Breite, um die niederländische Defensive auseinanderzuziehen.

Diese Rollenverteilung ermöglichte auch den Außenverteidigern das Nachrücken. Treu unterstützte auf der rechten Seite, während Brown links wiederholt weit nach vorne ging.

Offensive Außenverteidiger mit enormem Laufpensum

Die beiden Außenverteidiger gehörten zu den interessantesten Spielern der neuen deutschen Mannschaft. Philipp Treu absolvierte bei seinem Länderspieldebüt die rechte Seite mit einem enormen Laufpensum.

Auf der linken Seite schaltete sich Nathaniel Brown ebenfalls regelmäßig in die Angriffe ein. Sein Querpass auf Adeyemi hätte eigentlich zu einer Torvorlage führen müssen. Defensiv muss Brown allerdings noch robuster werden und manche Situationen früher erkennen.

Die Noten für Deutschland gegen die Niederlande:

Bewertung nach dem deutschen Schulnotensystem: 1 ist die beste, 6 die schlechteste Note.

Marc-André ter Stegen – Note 3

Auf der Linie war ter Stegen eine Macht. Mit zahlreichen starken Paraden hielt er Deutschland lange im Spiel. Mehrmals verhinderte er den Ausgleich aus kurzer Distanz.

Sein Spielaufbau war dagegen zu unsicher. Zwei bis drei einfache Fehlpässe brachten die Mannschaft unnötig in Gefahr. In der 42. Minute spielte er den Ball direkt zu einem Niederländer, rettete den anschließenden Abschluss von Gakpo anschließend aber selbst. Auf das Gegentor hatte er kaum eine Abwehrchance. 

Philipp Treu – Note 3

Ein bemerkenswertes Debüt des Freiburgers. Treu beackerte seine Seite unermüdlich, schaltete sich offensiv ein und war an der Entstehung des Führungstreffers beteiligt.

Defensiv hielt er Cody Gakpo über weite Phasen gut in Schach. Das Gegentor fiel zwar über seine Seite, ging nach Gnabrys Ballverlust und der anschließenden Überzahlsituation aber nicht entscheidend auf seine Kappe.

Jonathan Tah – Note 3

Tah organisierte die Defensive mit großer Ruhe und gewann zahlreiche wichtige Luftduelle. Besonders in der zweiten Halbzeit musste er viele Hereingaben und hohe Bälle verteidigen.

Bei den Bewegungen der niederländischen Angreifer hatte er gelegentlich Schwierigkeiten. Insgesamt hielt er das Zentrum gemeinsam mit Schlotterbeck jedoch lange geschlossen.

Nico Schlotterbeck – Note 2,5

Ähnlich stark wie Tah, im Spielaufbau allerdings etwas auffälliger. Schlotterbeck öffnete das deutsche Spiel mit mehreren Verlagerungen und mutigen vertikalen Pässen.

Er verteidigte aggressiv nach vorne und ermöglichte der Mannschaft dadurch ein schnelleres Umschalten. Leichter Vorteil gegenüber Tah.

Nathaniel Brown – Note 3,5

Offensiv zeigte Brown sein großes Potenzial. Mit seinem Tempo sorgte er mehrfach für Gefahr und bereitete Adeyemi die größte deutsche Chance nach dem Führungstor vor. Der Angreifer schoss seinen Querpass allerdings über das leere Tor.

Im Abwehrverhalten besteht noch Verbesserungsbedarf. Brown muss in einigen Situationen robuster agieren und das Verhalten seiner Gegenspieler früher erkennen. Angesichts seines Alters war es dennoch ein vielversprechender Auftritt.

Joshua Kimmich – Note 2,5

Die Rückkehr ins defensive Mittelfeld zahlte sich sofort aus. Kimmich war der Leader, Organisator und Taktgeber der Mannschaft.

Er schloss Räume, gab permanent Anweisungen und leitete das Führungstor mit seinem Pass auf Treu ein. Gemeinsam mit Nmecha kontrollierte er das Zentrum lange. Besonders in der ersten Halbzeit erinnerte seine Rolle an einen klassischen tiefen Spielmacher.

Felix Nmecha – Note 2,5

Nmecha krönte einen starken Auftritt mit dem ersten deutschen Tor unter Jürgen Klopp. Er presste hoch, trieb den Ball nach vorne und sorgte mit seinen Läufen für zusätzliche Präsenz im Strafraum.

Nach seiner Auswechslung verlor Deutschland im Mittelfeld spürbar an Kontrolle. Das unterstreicht, wie wichtig seine Leistung für die Stabilität der Mannschaft war.

Nadiem Amiri – Note 5

Amiri rückte erst kurzfristig für den verletzten Jamal Musiala in die Startaufstellung und fand nahezu überhaupt nicht ins Spiel.

Der Zehner wurde häufig überspielt, kam in den Zweikämpfen zu spät und konnte dem deutschen Offensivspiel kaum kreative Impulse geben. Seine ungestüme Aktion gegen Dumfries führte zudem zu einer Verwarnung. Von einem Spieler seiner Qualität war deutlich mehr zu erwarten.

Karim Adeyemi – Note 2

Eines seiner besten Spiele im Nationaltrikot. Adeyemi überzeugte mit hoher Laufbereitschaft, aggressivem Pressing und ausgezeichneten Tiefenläufen.

Er war am Treffer von Nmecha beteiligt und stellte die niederländische Defensive mit seinem Tempo immer wieder vor Probleme. Seine Leistung hätte er zwingend mit einem eigenen Tor belohnen müssen. Nach Browns Querpass schoss er den Ball jedoch über das weitgehend leere Tor.

Kevin Schade – Note 3

Schade arbeitete viel, lief konsequent an und erfüllte seine taktischen Aufgaben. Im letzten Drittel traf er jedoch nicht immer die richtige Entscheidung.

In einer aussichtsreichen Situation hätte er auf Adeyemi ablegen können, entschied sich aber für das direkte Duell. Insgesamt war es eine engagierte und solide Leistung, der lediglich die entscheidende Aktion fehlte.

Kai Havertz – ohne Note

Havertz musste bereits nach 30 Minuten verletzt ausgewechselt werden. Bis dahin ließ er sich regelmäßig fallen, um Räume für die schnellen Außenspieler zu öffnen.

Sein früher Ausfall veränderte die deutsche Offensivstruktur und nahm der Mannschaft einen wichtigen Verbindungsspieler.

Younes Ebnoutalib – Note 3

Der Frankfurter kam unerwartet früh zu seinem Länderspieldebüt. Gegen Virgil van Dijk und die körperlich starke niederländische Innenverteidigung hatte er eine anspruchsvolle Aufgabe.

Ebnoutalib arbeitete intensiv im Pressing und versuchte, Bälle mit dem Rücken zum Tor festzumachen. Sobald er im Strafraum an den Ball kam, war seine Gefährlichkeit zu erkennen. Unter diesen schwierigen Umständen machte er das Beste aus seinem Einsatz.

Jürgen Klopp – Note 2,5

Klopps Idee war nach wenigen Trainingseinheiten bereits klar erkennbar. Deutschland spielte mutiger, intensiver und vertikaler. Besonders die erste Halbzeit zeigte, wohin die taktische Entwicklung gehen soll.

Die Wechsel im zweiten Durchgang brachten allerdings nicht die gewünschte Stabilität. Nach Nmechas Auswechslung ging die Kontrolle im Mittelfeld verloren, während sich die Mannschaft immer weiter zurückzog. Trotzdem war das Debüt insgesamt ein vielversprechender erster Schritt.

Klopps erstes Spiel macht Hoffnung auf mehr

Deutschland hat in Amsterdam keinen perfekten Fußball gespielt. Dafür waren die Fehler im Spielaufbau, die fehlende Kontrolle in der zweiten Halbzeit und die zahlreichen niederländischen Chancen zu deutlich.

Trotzdem war eine Veränderung sichtbar. Die Mannschaft trat engagiert auf, akzeptierte die intensiven Laufwege und setzte Klopps Pressingidee phasenweise bereits überzeugend um.

Das 1:1 gegen die Niederlande fühlt sich aufgrund des späten Gegentors zunächst wie eine verpasste Chance an. Langfristig könnte die Partie aber als Beginn einer neuen Entwicklung stehen.

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