In Paris ist Cameron Norrie etwas gelungen, was seit Monaten keinem mehr gelungen war: Er besiegte Carlos Alcaraz und das auf der größten Bühne des Herbstes.
In der französischen Hauptstadt erlebte das Publikum am Dienstagabend ein Match, mit dem kaum jemand gerechnet hatte. Der ruhige Brite, der noch im Vorjahr in der Qualifikation des Turniers gescheitert war, brachte den Weltranglistenersten mit 4:6, 6:3, 6:4 zu Fall. Ein Sieg, der mehr war als nur ein Achtungserfolg: Es war Norries erster Triumph über einen Weltranglistenersten überhaupt. Und das gegen den vielleicht furchteinflößendsten Spieler der Saison.
Denn Alcaraz, der seit seinem Titelgewinn in Tokio Ende September pausiert hatte, wirkte alles andere als unantastbar. 54 unerzwungene Fehler und eine phasenweise ratlos wirkende Körpersprache zeigten, dass der Spanier nie zu dem Rhythmus fand, der ihn über Monate hinweg nahezu unschlagbar gemacht hatte. Seine 17-Match-Siegesserie bei Masters-1000-Turnieren, die bis ins Frühjahr nach Miami zurückreichte, endete abrupt.
„Das ist riesig für mich“, sagte Norrie nach dem Match sichtlich bewegt. „Ich habe hart an meinem Comeback gearbeitet. Letztes Jahr bin ich hier schon in der Qualifikation rausgeflogen, und jetzt das: Mein erster Sieg über die Nummer eins der Welt. Ich bin einfach nur stolz.“
Man konnte es ihm ansehen. Der 30-Jährige ballte nach dem verwandelten Matchball die Faust, blickte in Richtung seiner Box und lächelte erleichtert. Für ihn war es der erste Einzug ins Achtelfinale eines Masters-1000-Turniers seit Rom 2023 und eine Rückkehr zu alter Stärke.
Dass er überhaupt in diese Situation kam, lag an seinem kompromisslosen Spiel. Schon im ersten Satz ließ er aufhorchen, als er Alcaraz gleich zu Beginn mit einem kühnen Rückhand-Passing überraschte. Doch der Spanier war noch der effektivere Spieler, nutzte seine Chancen konsequent und sicherte sich den Auftaktsatz.
Im zweiten Durchgang kippte die Dynamik. Alcaraz, der sonst für sein präzises Timing und seine leichtfüßige Beinarbeit bekannt ist, verlor die Kontrolle über sein Spiel. Norrie hingegen spielte befreit auf, setzte mit seiner schweren Vorhand Akzente und zwang den Topgesetzten immer wieder zu Fehlern. Als Alcaraz den Satz abgab, suchte er Rat bei seinem Coach Juan Carlos Ferrero, doch die Worte halfen wenig.
Auch im entscheidenden Satz blieb der Brite der aktivere Spieler. Beim Stand von 3:3 gelang ihm das entscheidende Break, als er einen Rückhandpass cross ins Ziel feuerte. Das Publikum tobte, Norrie ballte die Faust, und plötzlich lag die Sensation in der Luft.
Als Alcaraz im nächsten Spiel zwei Breakchancen bekam, hielt Norrie dem Druck stand. „Dieses 4:3-Game war entscheidend“, erklärte er später. „Ich habe mir heute Morgen beim Spaziergang mit meinem Coach gesagt, dass ich diesen Moment verdiene und genau so habe ich gespielt.“ Zwei Stunden und 22 Minuten nach Beginn war die Überraschung perfekt.
Für Alcaraz bedeutet die Niederlage mehr als nur einen verlorenen Tag. Sollte Jannik Sinner in Paris den Titel holen, könnte der Italiener wieder an die Spitze der Weltrangliste zurückkehren. Ein Szenario, das der Spanier wohl lieber vermieden hätte. Dennoch bleibt Alcaraz in der „PIF ATP Live Race to Turin“ klar vorne und hat beste Chancen, die Saison als Nummer eins zu beenden.
Doch der Abend gehörte allein Norrie. Für einen Spieler, der sich in diesem Jahr mit Verletzungen und Formschwankungen herumschlug, war dieser Sieg ein emotionales Statement. „Ich wollte einfach weitermachen, auch wenn es richtig hart war“, sagte er. „Ich habe mich an die harten Fitnesseinheiten mit meinem Coach erinnert, aber heute war es noch härter.“
Norrie trifft nun auf den Sieger des Duells zwischen den französischen Cousins Valentin Vacherot und Arthur Rinderknech, was eine besondere Paarung ist. Vacherot schrieb in Shanghai Geschichte, als er als damals Weltranglisten-204. den Titel holte – er ist der niedrigstplatzierte Masters-1000-Sieger aller Zeiten.
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