Er ist Legende, Prüfstein und Pilgerort des Radsports: Der Col du Tourmalet schreibt seit über 100 Jahren Tour-Geschichte. Warum dieser Pass so mythisch aufgeladen ist und was du über ihn wissen musst, erfährst du hier.
Wenn sich das Peloton der Tour de France den Pyrenäen nähert, wissen Fans und Fahrer gleichermaßen: Jetzt wird’s ernst. Und kein Anstieg verkörpert die Härte und Geschichte des Rennens mehr als der Col du Tourmalet. Mit 2 115 Metern ist er der höchstgelegene asphaltierte Pass auf der französischen Seite der Pyrenäen und eine der berühmtesten Etappenstationen im Profi-Radsport.
Der Tourmalet ist eigentlich kein Berg im klassischen Sinne, sondern ein Pass, der bereits im 17. Jahrhundert eine wichtige Verbindung zwischen Tälern darstellte. Im Jahr 1675 überquerte Madame de Maintenon, eine Mätresse des Sonnenkönigs, die Route während eines Badeurlaubs mit einem königlichen Spross. Ihr Weg war Teil der sogenannten Route Thermale, einer Bäderroute, die viele Thermalkurorte in den Pyrenäen verband.
Ab 1864 konnten erstmals Kutschen die damals noch unbefestigte Straße passieren. Schon vor der ersten Austragung der Tour de France im Jahr 1903 rollten Fahrräder über den Pass: 1902 fand ein Radrennen des Touring Club de France mit 48 mutigen Teilnehmern statt, darunter auch Marthe Hesse, die als Vierte ins Ziel kam.
Der eigentliche Mythos um den Tourmalet beginnt jedoch im Jahr 1910: Alphonse Steines, ein Vertrauter des Tour-Gründers Henri Desgrange, sollte den Pass auf Tauglichkeit prüfen. Er fuhr im Januar (!) mit dem Auto in die verschneiten Berge, verirrte sich und musste die Nacht in der eisigen Wildnis verbringen. Am nächsten Morgen fand er Unterschlupf im Ort Barèges und sandte ein Telegramm an seinen Chef: „Ich habe den Tourmalet passiert. Sehr gute Straße. Perfekt für Radsport.“
War das eine waghalsige Lüge oder cleveres Marketing? Sicher ist: Wenige Monate später rollte das Fahrerfeld erstmals über den Col du Tourmalet und die Legende war geboren.
Der erste Fahrer, der 1910 den Gipfel erreichte, war Octave Lapize. Er soll den Organisatoren beim Überqueren „Mörder!” zugerufen haben. Dieses Zitat gehört genauso zum Mythos wie die schneebedeckten Nächte und Bären-Geschichten Steines.
Wahr ist hingegen die Episode von Eugène Christophe, der sich wenige Jahre später auf der Abfahrt vom Tourmalet die Gabel brach. Er schleppte sein Rad zwölf Kilometer zu einer Schmiede im Dorf Sainte-Marie-de-Campan und reparierte es selbst. Dennoch wurde er mit einer Zeitstrafe belegt, da ihm beim Bedienen des Blasebalgs geholfen wurde. Radsport war einmal ein sehr hartes Geschäft.
Auch die Moderne kennt ihre Tourmalet-Momente. Eddy Merckx, der „Kannibale“, demonstrierte 1969 bei seiner ersten Tour, warum er als einer der Größten gilt. Trotz komfortabler Führung griff er auf dem Tourmalet an und setzte zu einer 130 Kilometer langen Soloflucht an, bei der er seinen Vorsprung um acht Minuten ausbaute.
Mit über 80 Befahrungen ist der Col du Tourmalet der am häufigsten in die Tour de France integrierte Pyrenäen-Pass, sogar häufiger als die prestigeträchtigen Champs-Élysées, die erst 1975 zum festen Zielort wurden. Jedes Jahr säumen Tausende Fans die steilen Kurven, während Millionen an den Bildschirmen mitfiebern.
Auch bei der aktuellen Tour de France wird der Tourmalet wieder Schauplatz einer Schlüsselentscheidung sein. In der elften Etappe führt die Strecke über den legendären Pass. Zum ersten Mal seit 20 Jahren endet die Etappe im Zielort Cauterets. Da der Schlussanstieg als weniger hart gilt, spricht dies entweder für eine Ausreißergruppe oder für einen frühen Angriff eines Favoriten in den steilen Rampen Der Tourmalet ist mehr als nur ein Pass.
Er ist Bühne, Prüfstein und Denkmal des Radsports. Wer den Col du Tourmalet bezwingt, reiht sich in eine lange Liste von Heldengeschichten ein. Ob Marthe Hesse, Eugène Christophe oder Eddy Merckx, der Mythos lebt weiter. Auch in diesem Jahr.
RADSPORT
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bet365 News Team
13 Okt 25
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