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Tennis
  1. TENNIS

Medvedev bezwingt seine Dämonen

In Shanghai kämpft sich Daniil Medvedev trotz Krämpfen, Selbstzweifeln und einem hartnäckigen Youngster ins Ziel und gewinnt endlich das Duell, das ihn seit Wochen verfolgt.

In Shanghai sah Daniil Medvedev nicht nur einem Gegner, sondern auch seinem eigenen Körper gegenüber. Nach zwei schmerzhaften Niederlagen gegen den 19-jährigen US-Amerikaner Leander Tien schien sich die Geschichte zu wiederholen. Krämpfe, Wut, ratlose Blicke. Doch an diesem Mittwochabend drehte der frühere Weltranglistenerste das Skript mit einer zähen, fast dreistündigen Energieleistung um, die mehr Wille als Eleganz war.

7:6 (6), 6:7 (1), 6:4 hieß es am Ende für den Russen, der damit in dieser Saison zum dritten Mal in ein Masters-Viertelfinale einzog. Nach Indian Wells und Madrid. Doch der Weg dorthin war ein Drama in drei Akten: körperlich zermürbend, emotional aufgeladen und sportlich hochklassig.

Schon im ersten Satz deutete sich an, dass dies kein Spaziergang werden würde. Medvedev servierte beim Stand von 5:4 auf den Satz, nur um das Break zu kassieren. Erst im Tiebreak setzte er sich knapp, aber verdient durch. Danach schien er auf dem Weg zu einem klaren Sieg zu sein, als er im zweiten Satz 3:0 führte. Doch Tien, der Shootingstar der NextGen-Generation, kämpfte sich zurück, nutzte jede Unsicherheit seines Gegners und zwang Medvedev erneut in einen Tiebreak. Diesmal war der Russe nahezu bewegungsunfähig, geplagt von Krämpfen im rechten Bein. Ein bitteres Deja-vu, nur acht Tage nach seinem Abbruch im Halbfinale von Peking.

„Ich dachte, ich verliere wieder“, gestand Medvedev später. „Ich war schon wieder am Krampfen und ehrlich gesagt war ich einfach nur glücklich, dass ich es irgendwie geschafft habe.“

Dass er es schaffte, lag einerseits an seiner Erfahrung und andererseits an einem Funken Trotz. Während der gesamten Partie redete Medvedev mit sich selbst, schimpfte und gestikulierte, fand in den entscheidenden Momenten aber doch die richtige Antwort. Nach dem Seitenwechsel vor dem dritten Satz lockerte sich sein Körper und seine Schläge wurden wieder präziser. In typischer Medvedev-Manier kämpfte er sich Punkt für Punkt in die Kontrolle zurück: tief hinter der Grundlinie, defensiv klug und mit messerscharfen Kontern. Beim Stand von 4:4 nahm er Tien den Aufschlag ab, servierte anschließend souverän aus und ballte danach die Faust. Ein kurzer, beinah erleichterter Jubel, mehr Kampf als Freude.

Für Medvedev war dieser Sieg mehr als nur der Einzug ins Viertelfinale. Es war die Korrektur eines Makels, der ihn genervt hatte. Zwei Niederlagen gegen denselben Gegner waren für einen Mann, der sich als Taktiker und Denker versteht, kaum zu ertragen. „Er ist unglaublich“, sagte Medvedev über Tien. „Er hat keinen großen Aufschlag, und das ist im heutigen Tennis eigentlich ein Nachteil. Aber er spielt so klug und gefühlvoll. Mit 19 schon auf diesem Niveau. Das ist beeindruckend.“

Tatsächlich ist Tien so etwas wie der Anti-Typ eines Nachwuchsspielers: kein Powerhitter, kein Showman, sondern ein cleverer Zermürber, der den Rhythmus seiner Gegner stört. In Melbourne hatte er Medvedev in einem Fünf-Satz-Krimi bis drei Uhr morgens niedergerungen. In Peking war der Russe körperlich kollabiert. Doch diesmal hielt Medvedev in Shanghai die Balance und vielleicht auch die mentale Ruhe, die ihm in den letzten Jahren oft fehlte.

Nun wartet im Viertelfinale mit Alex de Minaur ein Spieler, der für seine flinken Füße gefürchtet ist, aber spielerisch ganz anders als Tien. Es wird ein Duell sein, das nach Geschwindigkeit, langen Ballwechseln und Geduld schreit. Für Medvedev geht es dabei nicht nur ums Weiterkommen, sondern auch um eine Rückkehr zu alter Stabilität. Der Titel von Shanghai aus dem Jahr 2019 ist noch präsent, und wer den Russen kennt, weiß: Solche Erinnerungen können gefährlich motivieren.

Nach fast drei Stunden voller Schweiß, Schmerz und Selbstgespräche steht Daniil Medvedev wieder dort, wo er hingehört: im Kreis der letzten Acht. Vielleicht ist er nicht in Bestform, aber er hat einen Sieg erzielt, der zeigt, was ihn ausmacht: Trotz, Intelligenz und ein unbändiger Wille, der eigenen Geschichte ein neues Kapitel zu schreiben.

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