Wie viel Mut braucht es für ein Comeback? Und wie viel Selbstvertrauen braucht es, um sich selbst zu beweisen, dass das Erreichen des Finales der US Open 2021 kein Zufall war? In Washington hat Leylah Fernandez nun Antworten geliefert.
Mit einem furiosen 6:1, 6:2 über Anna Kalinskaya holte sie sich beim Mubadala Citi DC Open ihren bislang größten Titel und das auf eine Art und Weise, die niemand kommen sah. Die Kanadierin dominierte das Match von Beginn an, bewegte sich aggressiv auf der Grundlinie, jagte jedem Ball hinterher und ließ Kalinskaya kaum Luft zum Atmen. Nur ein kurzer Moment des Zitterns beim Stand von 4:1 im zweiten Satz ließ frühere Unsicherheiten aufblitzen, doch Fernandez konterte eiskalt mit vier Punkten in Folge, darunter ein Ass und ein unerreichbarer Aufschlag.
Es war der erste Turniersieg für die 22-Jährige seit fast zwei Jahren und ihr insgesamt vierter Titel auf der WTA-Tour. Und es war viel mehr als ein Pokal: Es war eine Bestätigung. In einem hochkarätig besetzten Feld mit vier Top-20-Spielerinnen kämpfte sich Fernandez durch ein Turnier, das sie vielleicht selbst für unmöglich gehalten hatte. Nach einem durchwachsenen Jahr mit einem negativen Matchverhältnis und einer Grand-Slam-Bilanz von 3:3 reiste sie fast unter dem Radar an und ging als strahlende Siegerin hervor.
Bereits in der zweiten Runde sorgte sie für Aufsehen, als sie die an Position eins gesetzte Jessica Pegula ausschaltete. Im Halbfinale setzte sie mit einem epischen 3-Stunden-12-Minuten-Krimi gegen Elena Rybakina, die Nummer 3 des Turniers, noch einen drauf. Der Lohn waren 500 wertvolle WTA-Punkte, rund 200.000 Dollar Preisgeld und ein riesiger Schub für das Selbstvertrauen.
Nach ihrem Turniersieg bei den US Open 2021 sprach Fernandez ungewohnt offen über die Schattenseiten ihres Durchbruchs. Damals stand sie völlig überraschend im Finale. Seither sucht sie verzweifelt nach Konstanz und Klarheit. „Es waren vor allem meine eigenen Erwartungen“, sagte sie und fügte hinzu: „Mein Vater hat mich damals gewarnt, dass es danach schwer werden würde. Ich war einfach zu naiv, das zu glauben.“
Sie sei damals zu früh zu zufrieden gewesen und habe unterschätzt, wie hart das Leben auf der Tour nach dem Durchbruch sein würde. „Es ist immer noch schwer, weil wir alle diesen einen US-Open-Lauf im Kopf haben. Wir sind immer noch mit diesem Ergebnis verbunden, bis wir beide, ich und vielleicht auch Emma ein neues setzen.“
Auch wenn Kalinskaya mit einem beeindruckenden 9:3-Rekord ins Hauptfeld in Washington kam und bis zum Finale keinen Satz abgegeben hatte, war sie im Endspiel chancenlos. Zum dritten Mal steht die 25-Jährige in einem WTA-Finale und zum dritten Mal verlässt sie den Platz ohne Titel. Der Unterschied? Erfahrung. Fernandez weiß, wie man Titel gewinnt und im richtigen Moment loslässt.
„Dieser Titel bedeutet alles für mich und mein Team“, sagte sie nach dem Spiel. „Wir haben in den letzten Jahren so viele Rückschläge erlebt. Dieser Pokal zeigt, wie sehr mein Team gekämpft hat. Und er zeigt mir: Wenn sie das können, kann ich es auch auf dem Platz.“
Mit dem Sieg in Washington klettert Fernandez in der Weltrangliste auf Platz 24, doch schon in wenigen Tagen wartet die nächste Herausforderung: Wieder trifft sie auf Maya Joint, gegen die sie zuletzt in der ersten Runde spielte. Danach geht es weiter nach Montreal und Cincinnati, zwei wichtige Stationen vor den French Open und der Rückkehr nach New York.
Fernandez weiß, dass jede Woche neu beginnt: „Es ist ein schönes Momentum, aber man darf nie vergessen: Jede Woche wartet ein neues Biest. Man muss wieder bei null anfangen.“
Vielleicht ist es genau diese neue Gelassenheit, die den Unterschied macht. Fernandez hat in Washington nicht nur ein Turnier gewonnen, sondern sich selbst zurückerobert. Und das könnte erst der Anfang sein.
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