Guadalajara erlebt ein Tennisbeben: Die beiden Topgesetzten sind früh ausgeschieden. Zwei 20-jährige Außenseiterinnen nutzen ihre Chance und schreiben ihre eigenen Geschichten.
Manchmal schreibt der Tennissport Geschichten, die niemand voraussehen kann. In Guadalajara war es genau so: Innerhalb einer Stunde verabschiedeten sich sowohl die Nummer eins als auch die Nummer zwei des Turniers und machten Platz für zwei Spielerinnen, die bislang eher im Schatten standen. Die 20-jährigen Elsa Jacquemot und Victoria Jimenez Kasintseva sorgten beim WTA-500-Event in Mexiko für ein doppeltes Ausrufezeichen.
Das sind zwei Namen, die nicht jedem sofort einfallen, die aber ab sofort im Gedächtnis bleiben dürften. Beide kennen das Gefühl, im Rampenlicht zu stehen, zumindest auf Juniorenebene. Jacquemot triumphierte 2020 bei den French Open der Juniorinnen, Jimenez Kasintseva holte im selben Jahr den Titel bei den Australian Open. Doch der Sprung von der Jugend in die WTA-Welt ist hart. Guadalajara könnte für beide zum Wendepunkt werden.
Jimenez Kasintseva, die als Linkshänderin für Andorra Tennisgeschichte schrieb, hatte es mit Veronika Kudermetova zu tun, die an Position zwei gesetzt war und aktuell auf Platz 26 der Weltrangliste steht. Doch an diesem Tag lief für die Russin wenig zusammen. Nur 47 Prozent ihrer ersten Aufschläge fanden ihr Ziel und die Andorranerin nutzte ihre Chancen gnadenlos. Vier Breakbälle wehrte sie ab, keinen einzigen gab sie ab. Nach 1 Stunde und 31 Minuten war die Sensation perfekt: Der erste Sieg ihrer Karriere gegen eine Top-50-Spielerin war perfekt. Bisher hatte der Erfolg gegen Zhu Lin (Nr. 57) in Madrid als Bestmarke gegolten. Nun ist klar: Jimenez Kasintseva kann auch auf der ganz großen Bühne bestehen.
Noch dramatischer war die Geschichte auf dem Nachbarplatz. Dort wartete die an Position eins gesetzte Elise Mertens auf Elsa Jacquemot. Das Match war dem Regen zum Opfer gefallen und musste am nächsten Tag fortgesetzt werden. Als es wieder aufgenommen wurde, lag die Französin bereits mit 3:2 im zweiten Satz vorne, hatte allerdings einen Satz Rückstand. Alles deutete auf einen zähen Kampf hin. Doch Mertens wirkte fahrig und unkonzentriert. 62 unerzwungene Fehler sprechen eine deutliche Sprache. Jacquemot nutzte dies eiskalt aus, gewann acht der nächsten zehn Spiele und verschaffte sich eine komfortable Führung.
Fast wäre es aber noch einmal spannend geworden. Aus einem 1:5-Rückstand kämpfte sich Mertens noch auf 4:5 heran, ehe Jacquemot nach insgesamt 2 Stunden und 25 Minuten den Sieg perfekt machte. Ihr größter Karriereerfolg war damit perfekt.
Dass beide Spielerinnen nun gemeinsam im Viertelfinale stehen, macht die Geschichte noch spezieller. Für Jimenez Kasintseva ist es erst das zweite Mal, dass sie so weit in einem WTA-Turnier kommt. Zuletzt war sie 2021 in Seoul als Lucky Loser unter den letzten Acht. Jacquemot hingegen hatte erst vor wenigen Wochen in Cleveland bei einem WTA-250 ein Viertelfinale erreicht. Diesmal ist es ein WTA-500, die bislang größte Bühne für beide.
Und die Überraschungen gehen weiter. Die Liste der ungesetzten Spielerinnen in Guadalajara liest sich nämlich wie ein Manifest der Underdogs. Neben Jacquemot und Jimenez Kasintseva stehen auch die Kolumbianerin Emiliana Arango, die erst 17-jährige US-Amerikanerin Iva Jovic sowie die mit einer Wildcard ausgestattete Spielerin Nikola Bartunkova unter den letzten Acht.
Ein Turnier, das zu Beginn nach Routine aussah, hat sich zu einer Spielwiese für neue Gesichter entwickelt. Die Frage liegt auf der Hand: Wer von ihnen kann den Lauf fortsetzen? Und wie weit reicht der Traum? Für Jacquemot und Jimenez Kasintseva geht es jetzt um mehr als nur einen Achtungserfolg. Sie haben bewiesen, dass sie die Großen schlagen können, und nun wollen sie selbst zu den Großen gehören.
Unabhängig davon, wie die Reise in Mexiko endet, ist die Botschaft klar: Die WTA-Tour lebt von neuen Geschichten, von mutigen Außenseiterinnen, die scheinbar Unmögliches möglich machen. Und Guadalajara hat binnen eines Abends gleich zwei neue Hauptfiguren bekommen.
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