Ein Rückkehrer stolpert, ein Routinier glänzt und ein Champion ist auf der Suche nach Antworten: Das Shanghai Masters liefert Geschichten voller Wendungen, Emotionen und Rivalitäten.
Manchmal entscheidet ein einziger Abend über Wochen harter Arbeit. Für Ben Shelton hätte die Rückkehr auf die Tour nach seiner Schulterverletzung der große Schritt in Richtung Turin sein können. Doch stattdessen kassierte der 22-jährige US-Amerikaner eine glatte Niederlage und öffnete damit die Tür für seine Rivalen.
Gegen den erfahrenen Belgier David Goffin wirkte Shelton nie richtig angekommen. 22 unerzwungene Fehler, ein verpasster Rhythmus und am Ende eine klare 2:6, 4:6-Niederlage.
Für Goffin war es nicht nur der zweite Sieg gegen einen Top-10-Spieler in diesem Jahr, sondern auch ein kleines Statement: Der 34-Jährige kann an großen Turnierabenden noch immer glänzen. Für Shelton hingegen bedeutet die Niederlage, dass er im Rennen um die Nitto ATP Finals ins Wanken gerät.
Vor Shanghai lag er auf Platz sechs im „Live Race to Turin” mit komfortablen 3.720 Punkten. Doch die Konkurrenten lauern. Alex de Minaur und Lorenzo Musetti, die beide knapp hinter ihm liegen, könnten ihn in den kommenden Tagen überholen. Auch Felix Auger-Aliassime, derzeit Zehnter, hat die Chance, Punkte gutzumachen. Für Shelton, der in diesem Jahr bereits sein erstes Masters-1000-Turnier in Toronto gewann und im Halbfinale der Australian Open stand, ist dies eine bittere Erinnerung daran, wie eng es an der Spitze zugeht.
Goffin darf sich dagegen nach seinem souveränen Auftritt über den Einzug in die dritte Runde freuen. Sein nächster Gegner ist der Kanadier Gabriel Diallo, der zuvor Benjamin Bonzi in zwei Sätzen bezwungen hatte. Der Belgier hat in Shanghai bereits zweimal das Viertelfinale erreicht. Warum also nicht auch diesmal?
Während Shelton hadert und Goffin jubelt, richtet sich der Blick vieler Fans auf einen, der schon fast alles erlebt hat: Novak Djokovic. Der Serbe kehrt nach seiner Halbfinalniederlage bei den US Open zurück auf die Bühne und hat viele Fragen im Gepäck.
Seit drei Jahren dreht sich im Tennis vieles um die Duelle zwischen Novak Djokovic, Carlos Alcaraz und Jannik Sinner. Ein Generationenkampf, der garantiert für Schlagzeilen sorgt. Zwar konnte Djokovic in den vergangenen Jahren große Siege feiern, etwa das olympische Goldfinale gegen Alcaraz oder den Finalsieg gegen Sinner in Turin 2023, doch 2025 scheint der Wind gedreht: Er erlitt Niederlagen gegen Sinner in Paris und Wimbledon sowie gegen Alcaraz in New York. Der 38-Jährige läuft den beiden Nummern eins und zwei der Welt hinterher.
Djokovic gibt sich kämpferisch, aber auch realistisch. In Shanghai sagte er: „Best-of-Three, über eine Woche hinweg – da sehe ich meine größten Chancen.“ Bei den Grand Slams habe er immerhin jedes Mal das Halbfinale erreicht, was für seine Konstanz spreche. Und trotzdem bleibt der Hunger nach mehr.
Doch es geht für ihn längst nicht nur um Pokale. Seine Familie ist längst Teil seiner Geschichte. Tochter Tara tanzte bereits mit ihm auf dem Centre Court in Wimbledon und Sohn Stefan begleitet ihn immer häufiger zu Turnieren. „Meine Kinder sind meine größten Unterstützer“, betonte Djokovic. Nur in Shanghai fehlen sie, denn Schule geht vor.
Sein Auftaktgegner heißt Marin Cilic. Doch alle Blicke richten sich bereits auf ein mögliches Halbfinale gegen Jannik Sinner. Der Italiener führt im direkten Duell mit 6:4 und hat die letzten fünf Begegnungen gewonnen. Für Djokovic wäre es die Chance auf eine Trendwende, für Sinner die Gelegenheit, seine Vormachtstellung zu zementieren.
Für Djokovic ist Shanghai mehr als nur ein Turnier: Er hat dort vier Titel gewonnen, eine beeindruckende 39:6-Bilanz erreicht und genießt die besondere Atmosphäre eines Landes, das Tennis immer stärker für sich entdeckt. „China ist riesig, die Menschen lieben Schlägersportarten”, sagte er und betonte die Bedeutung des Masters für die globale Ausstrahlung des Spiels.
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