Ein Sturz, mentale Dämonen und eine fehlerhafte Gegnerin: Jasmine Paolini kämpft sich in Cincinnati ins Halbfinale und beweist damit einmal mehr, dass sie mehr ist als nur eine Außenseiterin.
Was zeichnet eine echte Kämpferin aus? Ist es die Technik, die Physis oder der eiserne Wille, selbst dann noch an den eigenen Sieg zu glauben, wenn alle Zeichen dagegenstehen? Jasmine Paolini lieferte am Freitagabend in Cincinnati eine Antwort – und die war laut, klar und voller Widerstandskraft.
Die Italienerin bezwang im Viertelfinale Coco Gauff, die amtierende US-Open-Siegerin und eine der Galionsfiguren des Frauentennis. Doch es war kein Sieg, der einfach so ins Statistikbuch rutscht. Es war ein Match, das alles hatte: einen Rückschlag zu Beginn, einen fast schon tragischen Einbruch in der Mitte und am Ende ein Aufbäumen, das für die Zuschauer zu einer Achterbahnfahrt wurde.
Mit 2:6, 6:4, 6:3 drehte Paolini die Partie und feierte bereits den dritten Sieg im dritten Duell mit Gauff in diesem Jahr. Ein Muster, das fast wie ein Fluch für die US-Amerikanerin wirkt: Egal, wie stark Gauff in ein Match mit Paolini startet, am Ende findet sie keinen Ausweg.
Doch die Statistik allein erzählt nicht die Geschichte dieses Abends. Paolini hatte gleich zwei zusätzliche Gegnerinnen: ihren Körper und ihren Kopf. Direkt zu Beginn des Entscheidungssatzes knickte sie nach einem Laufduell um. Ein Schreckmoment für alle im Stadion. Der Physiotherapeut eilte herbei, doch statt den Faden zu verlieren, nutzte die Italienerin die kurze Unterbrechung, um sich neu zu sammeln. Kurz darauf gelang ihr das Break, ein symbolträchtiger Moment in einem ohnehin dramatischen Match.
Und dann war da noch die mentale Last. In Montreal hatte Paolini jüngst eine Partie gegen Aoi Ito trotz klarer Führung aus der Hand gegeben. Eine Erfahrung, die sie nicht losließ. Auch in Cincinnati drohte dieser Albtraum wieder Realität zu werden: Von 3:1 und 40:30 verlor sie plötzlich neun Punkte am Stück. Das Momentum schien sich endgültig zu Gauff zu verschieben. Doch diesmal brach Paolini nicht. Stattdessen gewann sie sieben Punkte in Serie und schließlich zwölf der letzten 15. Eine Umkehr, die man fast als kleine Erlösung beschreiben muss.
Dabei profitierte sie auch von einer erstaunlich fehlerhaften Gauff. Ganze 16 Doppelfehler und 62 unerzwungene Fehler standen am Ende auf dem Statistikbogen. Zahlen, die bei einer Weltklassespielerin wie ihr schwer ins Gewicht fallen. Insgesamt 14 Breaks machten die Partie zu einem wackligen Nervenspiel, und Paolini behielt im Chaos die klareren Nerven.
„Es war so tough“, gestand sie nach dem Match. „Am Anfang habe ich einfach nur versucht, den Ball im Feld zu halten. Doch dann habe ich irgendwann gespürt, dass es besser läuft. Ich habe um jeden Punkt gekämpft, und es hat funktioniert.“
Belohnt wird Paolini nun mit ihrem fünften Halbfinale in dieser Saison, darunter bereits zwei auf WTA-1000-Ebene. In Rom hatte sie im Mai sogar den Titel geholt und auch in Cincinnati scheint sie ähnlich beflügelt.
Allerdings wartet mit Veronika Kudermetova dort ein Prüfstein auf sie, an dem sie sich bislang regelmäßig die Zähne ausgebissen hat. Drei Niederlagen in Serie hat Paolini gegen die Russin kassiert, zuletzt 2021 in Cincinnati. Kudermetova verfügt über die Waffen, die Paolini besonders wehtun können: einen mächtigen Aufschlag, kraftvolle Grundschläge und die Fähigkeit, in den entscheidenden Momenten explosiv zuzuschlagen.
„Sie ist eine großartige Spielerin mit einem starken Aufschlag und vielen Waffen“, meinte Paolini nach ihrem Erfolg im Viertelfinale. „Es ist immer schwer, gegen sie zu spielen. Aber diesmal wird es eine andere Geschichte. Ich bin mit meinem Spiel hier zufrieden und hoffe, dass es ein gutes Match wird.“
Ob Paolini in Cincinnati ihr Märchen fortschreibt oder Kudermetova ihr die Tür ins Finale zuschlägt, bleibt offen. Doch eines ist sicher: Nach diesem Viertelfinale wird niemand mehr an der Zähigkeit der Italienerin zweifeln. Und vielleicht, ganz vielleicht, ist sie sogar bereit, den nächsten großen Titel ins Visier zu nehmen. Mit dem French-Open-Sommer noch frisch im Gedächtnis und der Saison in vollem Gange.
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