Brawn GP sorgte im Jahr 2009 für Furore in der Königsklasse. Das Team fuhr nur eine Saison in der Formel 1 und gewann umgehend die Konstrukteurs- und die Fahrer-WM.
Die Geschichte von Brawn GP ist eine der außergewöhnlichsten Episoden in der langen und faszinierenden Welt der Formel 1. Oft erzählt als modernes Märchen des Motorsports, begann sie offiziell im Frühjahr 2009 – jedoch wurzelt die Entstehung des Teams in einer Krise. Am Ende der Saison 2008 zog sich der Automobilhersteller Honda überraschend aus der Formel 1 zurück. Die internationale Finanzkrise hatte das Unternehmen hart getroffen und Honda Motorsport musste seine Aktivitäten einstellen.
Das Honda-Team stand vor dem Aus. Doch der damalige Teamchef, Ross Brawn, ein erfahrener und hoch angesehener Ingenieur, der zuvor als technischer Direktor bei Benetton und Ferrari maßgeblich an den Erfolgen von Michael Schumacher beteiligt gewesen war, sah Potenzial und Chancen in diesem Schicksalsschlag. Brawn übernahm im März 2009 das Team in einem sogenannten Management-Buyout. Damit war Brawn GP geboren – mit Ross Brawn als Besitzer und Teamchef. Das Werk in Brackley, England, wurde zur Bastion eines neuen, unabhängigen Rennstalls, der sich aus den Resten des Honda-Teams entwickelte.
Zur Überraschung vieler gelang es Ross Brawn, zwei Spitzenfahrer für die Saison 2009 zu halten: Jenson Button, der schon seit 2003 Teil des Teams war, und Rubens Barrichello, den erfahrenen Brasilianer, der schon zahlreiche Jahre in der Formel 1 vorweisen konnte – und mit Ross Brawn bei Ferrari bereits Erfolge gefeiert hatte.
Unterstützt wurden sie von einem erfahrenen Team aus Ingenieuren, Mechanikern und Strategen, die trotz Unsicherheiten und begrenztem Budget enorme Motivation und Engagement zeigten. Die Schlüsselrolle spielte dabei die technische Entwicklung: Schon während der Honda-Zeit hatte das Team ein revolutionäres Fahrzeug für 2009 entwickelt, das insbesondere den sogenannten „Doppeldiffusor“ einsetzte. Dieses innovative Konzept verschaffte dem Brawn BGP 001 einen deutlichen aerodynamischen Vorteil.
Der Start von Brawn GP in die Formel-1-Saison 2009 war ein Paukenschlag. Kaum jemand hatte dem Team, das quasi in letzter Sekunde gerettet worden war, große Chancen eingeräumt. Doch bereits bei den ersten Testfahrten zeichnete sich ab, dass der BGP 001 enorm konkurrenzfähig war. Gleich beim Saisonauftakt in Australien sicherte sich Jenson Button die Pole Position und gewann das Rennen souverän. Rubens Barrichello komplettierte mit Platz zwei den Doppelsieg. Auch beim zweiten Rennen in Malaysia wiederholte sich das Bild: Button siegte erneut. Bis zur Saisonmitte dominierte Brawn GP das Geschehen. Button gewann sechs der ersten sieben Rennen. Die Konkurrenz – allen voran Red Bull Racing – holte im Laufe der Saison zwar auf, doch der komfortable Vorsprung aus dem Saisonstart war nicht mehr einzuholen.
Im Verlauf der 17 Rennen umfassenden Saison erzielte Brawn GP insgesamt acht Grand-Prix-Siege (sechs durch Button, zwei durch Barrichello) und acht weitere Podestplätze. Besonders beeindruckend war die Effizienz des Teams: Mit vergleichsweise geringem Budget, aber einer perfekten Kombination aus Innovation, Teamgeist und fahrerischer Klasse, postulierte das Team eine neue Erfolgsformel in der Königsklasse des Motorsports.
Jenson Button: Der britische Fahrer war der zentrale Protagonist des Erfolgsjahres. Nach Jahren im Mittelfeld gelang ihm 2009 mit Brawn GP der große Durchbruch: Er wurde mit einer beeindruckenden Konstanz und Souveränität Formel-1-Weltmeister. Button punktete vor allem durch sein ruhiges, technikverständiges Fahrverhalten und seine Fähigkeit, die Stärken des Autos optimal zu nutzen.
Rubens Barrichello: Der erfahrene Brasilianer war nicht nur Buttons Teamkollege, sondern auch eine tragende Säule des Teams. Mit zwei Saisonsiegen und mehreren Podestplätzen trug er entscheidend zur Konstrukteurswertung bei. Seine Erfahrung und sein strategisches Geschick halfen dem Team in entscheidenden Momenten.
Trotz der überwältigenden Erfolge war die Existenz von Brawn GP von vornherein als Zwischenlösung angelegt. Das Team operierte ohne die Mittel eines Großherstellers und war stets auf der Suche nach strategischen Investoren für eine langfristige Zukunft.
Schon gegen Saisonende 2009 zeichnete sich eine Übernahme ab. Am 16. November 2009 gab Daimler, der Mutterkonzern von Mercedes-Benz, gemeinsam mit dem Partner Aabar Investments bekannt, dass sie eine Mehrheitsbeteiligung an Brawn GP übernehmen würden. Das Team wurde für die Saison 2010 in Mercedes GP umbenannt, mit Ross Brawn weiterhin an der Spitze und einer neuen, ambitionierten Werksausrichtung – später auch mit Michael Schumacher als Fahrer.
Ross Brawn selbst blieb dem Team noch einige Jahre verbunden und prägte die Entwicklungsrichtung mit. Das von Brawn GP geerbte Werk in Brackley ist noch heute die Heimat des Mercedes-AMG Petronas F1 Teams, das seitdem zu einer der erfolgreichsten Teams der Formel-1-Geschichte avancierte.
Die Auflösung von Brawn GP war weniger das Ergebnis von Misserfolg, sondern vielmehr die logische Konsequenz der wirtschaftlichen und strategischen Realität. Ohne die Unterstützung eines großen Automobilherstellers fehlte dem Team auf Dauer das notwendige Kapital, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Einstieg von Mercedes war der Garant für die Zukunft und eröffnete neue Möglichkeiten – sowohl in technischer als auch in finanzieller Hinsicht. Die Markenidentität von Brawn GP verschwand nach nur einer Saison, doch das Team, die Strukturen und viele Mitarbeiter blieben erhalten und bildeten das Fundament für die Erfolge unter Mercedes.
Brawn GP bleibt als Synonym für eine der größten Überraschungen und Erfolgsgeschichten der Formel 1 bestehen. Das Team zeigte, dass mit Innovation, Weitsicht und Leidenschaft selbst scheinbar unüberwindbare Hürden überschritten werden können. Der Weltmeistertitel 2009, errungen unter extrem schwierigen Bedingungen und gegen etablierte Konkurrenz, stellt einen Meilenstein dar, der Motorsportfans weltweit in Erinnerung geblieben ist.
Die kurze, aber intensive Ära von Brawn GP hat die Formel 1 nachhaltig beeinflusst – als Beispiel dafür, dass das Unmögliche möglich ist, wenn das richtige Team zur rechten Zeit am richtigen Ort zusammenkommt.
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