Es sollte ein packendes Duell zwischen Carlos Alcaraz und Jannik Sinner werden, doch stattdessen erlebte das Publikum einen abrupten Abbruch.
Was bleibt nach diesem Finale in Cincinnati? Freude, Frust oder einfach Fassungslosigkeit? Eigentlich war alles angerichtet für ein weiteres episches Kapitel in der Rivalität der beiden. Doch nach gerade einmal 23 Minuten war das Endspiel vorbei. Der italienische Titelverteidiger wirkte ausgelaugt, müde und angeschlagen. Bei brütender Hitze griff er zum Handtuch, rief den Arzt und musste schließlich aufgeben. Mit 0:5 im Rückstand erklärte er dem Publikum mit leiser Stimme: „Es tut mir unglaublich leid, euch enttäuschen zu müssen.“
Damit ging der Titel kampflos an den Spanier, der in dieser Saison ohnehin fast alles einsammelt, was es zu holen gibt. Es war sein sechster Titel des Jahres, der insgesamt 22. auf der ATP-Tour und bereits der achte auf Masters-1000-Ebene. Mehr haben unter den aktiven Spielern nur Novak Djokovic vorzuweisen.
Alcaraz selbst konnte sein Glück kaum fassen, und doch sah man ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich uneingeschränkt zu freuen. „So möchte ich keine Trophäen gewinnen“, sagte er direkt nach dem Spiel. Und weiter: „Jannik, du bist ein wahrer Champion. Ich weiß, dass du zurückkommst stärker denn je.“
Diese Worte waren keine Floskeln. Denn die beiden kennen sich inzwischen zu gut. Sie haben vier Finals in Serie gegeneinander bestritten: in Rom, bei den French Open, in Wimbledon und nun in Cincinnati. Mal war der eine obenauf, mal der andere. Ein Schlagabtausch, der längst als eine der größten Rivalitäten der neuen Generation gilt.
Für Jannik Sinner endet mit diesem Rückzug eine beeindruckende Bilanz: Er hatte bis dahin 26 Siege in Folge auf Hartplatz gesammelt. Doch statt über Zahlen sprach er über sein Gefühl, und das war eindeutig: Schon am Vortag habe er sich nicht wohlgefühlt, und auch die Nacht habe keine Besserung gebracht. So blieb ihm nur der Versuch, überhaupt auf den Platz zu gehen. „Ich wollte wenigstens ein kleines Match daraus machen, aber es ging einfach nicht“, erklärte der Italiener.
Nun steht für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit an: Er ist Titelverteidiger bei den US Open und zudem für ein Mixed-Doppel vorgesehen. Alles hängt von seiner Genesung ab.
Während Sinner also mit seinem Körper hadert, baut Alcaraz seine Stellung weiter aus. Mit dem Sieg in Ohio übernahm er in der Jahreswertung für das ATP-Finale in Turin einen komfortablen Vorsprung von 1 890 Punkten. In der Live-Rangliste liegt er sogar 50 Zähler vor Sinner, wenn die Punkte des Vorjahres von den US Open abgezogen werden.
Damit deutet sich ein Showdown in New York an, der über die Weltranglistenspitze entscheiden könnte. Alcaraz will zurück auf Platz eins, den er 2022 schon innehatte. Sinner wiederum muss alles daran setzen, seinen Titel zu verteidigen. Dafür muss er zunächst einmal rechtzeitig fit werden.
Erinnerungen werden wach an das Vorjahr: 2023 hatte Alcaraz im Finale von Cincinnati einen Matchball gegen Djokovic, musste sich dann aber doch geschlagen geben. Dieses Duell gilt bis heute als eines der spektakulärsten Endspiele in der Geschichte der Tour. Jetzt hat Alcaraz den Pokal endlich in Händen, doch der Weg dahin verlief völlig anders, beinah bizarr.
Was bedeutet das für die kommenden Wochen? Einerseits ist es ein weiteres Kapitel in einer der faszinierendsten Tennis-Geschichten der Gegenwart. Andererseits bleibt die Frage offen: Wer ist besser vorbereitet für die US Open? Wird Sinner rechtzeitig fit, um seinen Titel zu verteidigen? Oder marschiert Alcaraz mit seinen 54 Siegen in diesem Jahr schnurstracks zum nächsten Triumph?
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